Aufwertung und Mietsteigerungen

 

Der IBA und dem Senat geht es um die Attraktivmachung Wilhelmsburgs für eine neue Bevölkerungsschicht. Damit ordnet sie sich in klassische Strategien ein, die eine „Aufbesserung der Sozialstruktur“ durch eine Politik der „sozialen Mischung“ erreichen will. Menschen mit höheren Einkommen, „höherwertigen“ Bildungsabschlüssen, besseren Jobs und „stabilen“ Familienverhältnissen sollen in „problematische Viertel“ hinzuziehen, um die als „überforderte Nachbarschaften“ diffamierten Wohnquartiere zu „stabilisieren“.

"Liebe IBA, bau uns goldene Türme" - Protest bei der Eröffnung des "IBA-Dock"

"Liebe IBA, bau uns goldene Türme" - Protest bei der Eröffnung des "IBA-Dock"

Diese Strategie mittelschichtsorientierter Stadtentwicklung bedient nicht nur Klischees und Diskriminierungen der „städtischen Unterschicht“, sondern wirkt sich auch fatal auf den Wohnungsmarkt in Wilhelmsburg aus. Denn die IBA ist eine Aufwertungsveranstaltung, aber keine Wohnungsbau-Ausstellung. Wohnungsneubau findet nicht in nennenswertem Ausmaß statt und beschränkt sich weitgehend auf exemplarische Sanierungs- und Neubauprojekte („Weltquartier„), „experimentelle“ Wohnformen sowie die Subventionierung von Baugemeinschaften und kleinen Genossenschaften, wie bspw. beim Open House und den Neuen Hamburger Terrassen. Dass die IBA-Ziele des „Zuzugs neuer Bevölkerungsgruppen“ und einer „Aufwertung ohne Verdrängung“ im Widerspruch zueinander stehen, wird offensichtlich, wenn die Entwicklung des Wohnungsbestandes, der Mieten und die Bevölkerungsentwicklung in Beziehung zueinander gesetzt werden.

Der Gesamtwohnungsbestand hat sich zwischen 2006 und 2010 nach den Daten des IBA-Strukturmonitorings um ganze 59 Wohn-Einheiten auf 22.836 erhöht. Gleichzeitig fielen im selben Zeitraum ca. 1.500 Wohnungen aus der Sozialbindung (bis 2016 werden es weitere 28 % sein). Auf der Veddel laufen sogar alle verbliebenen Sozialwohnungen bis 2014 aus.

Die enormen Mietsteigerungen der letzten Jahre führen also zu einem rasanten Abschmelzen günstigen Wohnraums im IBA-Gebiet: Zwischen 2006 und 2011 stiegen die Angebotsmieten um 35 %. Diese Zahl versucht die IBA in ihrem „Strukturmonitoring“  (AKU-Artikel zum Strukturmonitoring der IBA)“ mit dem Verweis zu relativieren, sie liege etwa im Hamburger Durchschnitt und sei doch längst nicht so hoch wie in „Szene-Stadtteilen“ wie St. Pauli, wo 42% Steigerung der Angebotsmieten zu verzeichnen sind. Deutlich wird der „IBA-Effekt“ auf den Wilhelmsburger Wohnungsmarkt aber vor allem, wenn die Mietsteigerungen im von der IBA ebenfalls als Vergleichsstadtteil herangezogenen Billstedt betrachtet werden. In Billstedt wenden Bezirk und Senat eine eher klassische Programmatik „Integrierter Stadtentwicklung“ an – hier stiegen die Angebotsmieten „nur“ um 14%, was angesichts der prekären Lebenssituation vieler Menschen dort selbstverständlich ebenfalls viel zu viel ist.

Gleichzeitig wächst die Wilhelmsburger Bewohner_innenschaft, und das – stärker noch als in der Gesamtstadt. Nimmt mensch die verfügbaren statistischen Daten – die angesichts der Informalität, die die Lebenssituation nicht weniger Menschen im Stadtteil kennzeichnet, die tatsächlichen Verhältnisse nur verzerrt abbilden – so lässt sich daraus ablesen, dass 2012 knapp 1.600 Menschen mehr Wilhelmsburg bewohnten als noch 2007. In diesem Zeitraum wuchs die Einwohner_innenzahl des Reiherstiegviertels zudem stärker als jene der anderen Wohngebiete in Wilhelmsburg. Hier werden mittlerweile auch die höchsten Mieten genommen – 10 € Netto kalt sind keine Seltenheit mehr.

Im gleichen Zeitraum hat sich der Kampf mit prekären Arbeits- und Lebensverhältnissen und Armut für viele Menschen gar noch verschärft – die Zahl der Leute mit Alg-II-Bezug stagniert bei etwa 25%, die Nettolöhne und Haushaltseinkommen stagnieren ebenfalls, von Realeinkommen und Kaufkraft ganz zu schweigen. Nach wie vor handelt es sich beim IBA-Gebiet Wilhelmsburg/Veddel um die (mit) „ärmsten Stadtteile“ Hamburg.

Der besondere „IBA-Effekt“ auf den Wilhelmsburger Wohnungsmarkt und die Lebensverhältnisse hier wird somit überdeutlich: Vor allem für arme und von rassistischer Diskriminierung betroffene Menschen verschlechtert sich die soziale Situation, während relativ privilegierte Gruppen von der IBA umworben und gefördert werden.

An dieser Stelle wollen wir einige Beispiele besonders brisanter Mieterhöhungspraktiken aus Wilhelmsburg sammeln. Auf ganz Hamburg bezogen wird das Thema sehr ausführlich von der AG Mieten des „Recht auf Stadt“-Bündnisses behandelt.