Lebensverhältnisse in Zeiten der IBA

Wilhelmsburg ist zwar rechtlich ein Stadtteil, die Arbeits-, Wohn- und Lebensverhältnisse der Menschen hier unterscheiden sich jedoch in vielerlei Hinsicht voneinander. Und so wirkt sich auch die Stadtentwicklungspolitik der IBA und ihrer diversen Partner_innen aus der Wohnungswirtschaft sehr unterschiedlich aus. Während soziale Ausgrenzungen den Alltag vieler Bewohner_innen prägen, befinden sich andere in vergleichsweise privilegierten und gesicherten Lebenssituationen.

Für viele sind Armut, prekäre Arbeits- und Wohnverhältnisse und rassistische Diskriminierungen die Bedingungen, unter denen sie für ihre Würde und um ein gutes Leben kämpfen müssen. Die IBA, die sich die Aufwertung des „Problemstadtteils“ vor allem mittels Imageproduktion auf die Fahnen geschrieben hat, verschärft diese Bedingungen häufig noch zusätzlich. So steigen die Mieten bei gleich bleibenden oder gar sinkenden Löhnen und Einkommen. Gleichzeitig ziehen immer mehr Menschen nach Wilhelmsburg, ohne dass zusätzliche Wohnungen entstehen. Häufig können diese Menschen in anderen Stadtteilen keinen bezahlbaren Wohnraum mehr finden, sich aber auf dem Wilhelmsburger Wohnungsmarkt durchsetzen, weil sie bspw. einen deutschen Nachnamen oder ein mehrheitsdeutsches Aussehen haben oder einfach das Quentchen mehr Mietsicherheit – wegen gesicherten Einkommen oder „reichen Eltern“ – gewährleisten können. Sie ziehen auch nicht nach Billstedt oder an andere „günstigere Wohnstandorte“, sondern eben nach Wilhelmsburg, wo mensch ja mittlerweile „gut“ wohnen kann, wie die IBA-Hochglanzbroschüren und der stadtöffentliche Diskurs versprechen. Und sie ziehen auch nicht irgendwohin – sondern vornehmlich ins Reiherstiegviertel mit seinem gründerzeitlichen Altbaubestand.

Andere Einwohner_innen Wilhelmsburgs freuen sich über diesen „Imagewandel“, den die „Elbinsel“ dank dem „Sprung über die Elbe“ und der IBA erfahren hat – sorgten sie sich doch jahrzehntelang um den Wert ihres Wohneigentums und können jetzt auf eine „Stabilisierung“ von Immobilienpreisen hoffen. Auch die Verbesserung der Lebensqualität, die die IBA verspricht, war für viele Menschen gerade aus der „dagebliebenen Mittelschicht“ ein großes Thema – galt Lebensqualität doch ebenso wie „Mittelschicht“ als Garant für einen guten „sozialen Zusammenhalt“. Die IBA setzt dabei auf Themen wie „Familienfreundlichkeit“ oder die Verbesserung der sozialen Infrastruktur, insbesondere der „Bildungslandschaft“. Das fügt sich bestens ein in Attraktivierungsstrategien für die umworbenen Bevölkerungsgruppen der „jungen Familien“ aus der Mittelschicht, die früher spätestens dann in „bessere Viertel“ weggezogen seien, wenn ihre Kinder ins schulpflichtigen Alter kamen, wie IBA und Stadtverwaltung nicht müde werden zu betonen. Abgesehen davon, dass die „Bildungsoffensive“ wohl bestenfalls punktuelle und wenig nachhaltige materielle Verbesserungen bedeutet, ist es bezeichnend, dass die Sozialpolitik der IBA allein auf das Bildungsthema setzt. Bestehende soziale Ungleichheiten werden durch „bessere Bildung“ gerade nicht beseitigt, werden sie doch durch das bestehende Bildungssystem maßgeblich mit hergestellt.

Die IBA wirkt den sozialen Spaltungen damit nicht entgegen, die Wilhelmsburg durchziehen, sondern verstärkt sie. Diese Spaltungen zeigen sich auch in den verschiedenen Wohngebieten und den Konflikten, die hier ums Wohnen ausgetragen werden. Teilweise in hohem Maße segregiert unterscheiden sie sich entlang der Geschichten ihrer Bewohner_innen, die über sich verändernde Arbeits- und Reproduktionsverhältnisse, Besiedelungsepochen, und dabei immer auch über Programmatiken politisch-administrativer Stadtpolitik erzählen. Kleinbürgerliche Wohngebiete wie die als „Hermann-Göring-Siedlung“ entstandenen Straßenzüge in Kirchdorf liegen in unmittelbarer Nachbarschaft zur „Großwohnsiedlung“ Kirchdorf-Süd aus den 1970er Jahren; von den „idyllisch“ an der Dove-Elbe gelegenen Reihen- und Einfamilienhäusern Georgswerders sind es nur wenige Schritte zu den teils 14-geschossigen Wohnblocks des Korallusviertels. Dahinter schließt sich das gründerzeitliche alte Bahnhofsviertel an, gefolgt vom sozialen Wohnungsbau rund um den Bertha-Kröger-Platz im Zentrum Wilhelmsburgs – in Sichtweite der IBA-Prestigebauten wie der neuen BSU oder der „Bauausstellung in der Bauausstelleung“. Und im Westen, jenseits der Verkehrstrassen finden sich alte proletarische Quartiere – Mietwohnungsbau aus den 1920er und 30er Jahren, aber auch gründerzeitliche Wohnbestände, die besonders im Fokus der Aufschickung Wilhelmsburgs stehen.

Die Alltage, die hier jeweils gelebt werden, unterscheiden sich immens – und auch die Erfahrungen der Bewohner_innen mit den Aufwertungspolitiken von Stadt und IBA. Während im Korallus- und Bahnhofsviertel Menschen gegen eine Vermieterin – die berüchtigte GAGFAH – kämpfen, die durch absolute Vernachlässigung der Instandhaltung von Wohnungen und Häuser maximalen Profit aus dem Wohnbestand schlägt, werden die SAGA-Mieter_innen im sogenannten „Weltquartier“ mehr oder weniger freundlich von einer „Sanierung mit Modellcharakter“ umarmt. Dieses IBA-Projekt bescherte ihnen nicht nur Stress mit der Vermieterin, jahrelangen Baulärm und teilweise absolut unzureichende „Umsetzungs“verhältnisse, sondern auch denjenigen Bewohner_innen, die sich davon nicht vertreiben ließen, Mietsteigerungen durch Staffelmiete und notgedrungen größere Wohnungen garantiert. Im Reiherstiegviertel, das gewissermaßen als Aushängeschild der neuen Attraktivität der „Elbsinsel“ gilt und das nicht nur die Mopo mittlerweile als „Schanze der Wilhelmsburger“ bezeichnet, macht sich der Zuzug von (teilweise vom Senat subventionierten) Studierenden, aber auch anderer Angehörige der umworbenen „Mittelschicht“ bemerkbar: Die Mietpreise, die hier genommen werden, gleichen sich immer mehr den nördlich der Elbe angrenzenden „Szenevierteln“ an. Auch wenn sich der hier stattfindende langsame Bevölkerungsaustausch kaum „statistisch“ nachweisen lässt, wie die IBA beteuert, so sind doch stadträumliche Aufwertungsprozesse unübersehbar: Vorzeigeprojekte wie das OpenHouse und langsam aber sicher auch soziale und kulturelle Infrastrukturen, die mit den neuen Bevölkerungsgruppen nachziehen – neue Veranstaltungsorte, Kneipen, Einzelhandels- und Dienstleistungsinfrastrukturen, die häufig auch von diesen neuen Bewohner_innen geschaffenen werden – verändern das Leben besonders für diejenigen, die sich eine neue „Schanze“ eben nicht leisten können (oder wollen).

An der Anwerbepolitik der IBA, die auf ganz bestimmte Bevölkerungsgruppen zielt, zeigt sich ein Grundproblem: Die IBA ist zwar eine Bauausstellung, Wohnungsneubau findet aber kaum statt und die absolute Anzahl an Wohneinheiten stagniert. Gleichzeitig hat Wilhelmsburg einen überdurchschnittlichen Bevölkerungszuwachs erfahren – und einen Schwund von Wohnungen im unteren Preisbereich, besonders durch das Auslaufen von Sozialbindungen. Die Schwierigkeiten, eine bezahlbare Wohnung in der Nachbarschaft zu finden, wenn die eigene zu klein oder zu teuer geworden ist, oder andere Umzugsgründe bestehen, nehmen immer mehr zu – selbstverständlich nicht für alle Bewohner_innen: Auch hier zeigen sich wieder jene Spaltungslinien, die die lokalen Machtverhältnisse in Wilhelmsburg hervorbringen.

Die IBA jedenfalls kann mit ihrer bevölkerungspolitischen Programmatik keine Antworten auf die Wohnungsmisere in ihren vielfältigen Ausprägungen geben – sie verschärft vielmehr den Druck auf den Wohnungsmarkt und verschlechtert damit die Lage derjenigen, die aufgrund von geringem Einkommen und/oder rassistischer Diskriminierungen bei der Wohnungssuche massiv benachteiligt werden.