Systematische Naturzerstörung im großen Stil

Das ca. 100 ha große Ausstellungsgelände war zu Beginn der Übernahme durch die igs alles andere als ‚leer‘. Es gab bereits einen Park mit teils kräftig zugewachsenen Biotopen, so dass Pflanzen und Tiere vor Menschen geschützt waren. Im Süden schloss sich ein ca. 50 ha großes Kleingartengelände an, im Osten wurde 9 ha Gelände dazugekauft, das die Deutsche Bahn nach der Verlagerung des Containerbahnhofs bis dahin profitneutral der Natur überlassen hatte.

Luftaufnahme des BUND vom igs-Gelände (April 2011)

Luftaufnahme des BUND vom igs-Gelände (April 2011)

Um die propagierte ‚Leere‘ des Geländes herzustellen, wurden mindestens 2.860 m² Feuchtwiesen trockengelegt, 4 km laufende Hecke vernichtet und weit mehr als 5.000 Bäume gefällt. Der gewünschte Effekt, von der Umweltschutzorganisation BUND im April 2011 fotografisch dokumentiert, erinnerte dann – ganz im Sinne einer deutschen Gartenschau – an die zerbombten Parkflächen der Nachkriegszeit, die ja durch BUGAs und IGAs bis in die 1960er Jahre wieder aufgebaut wurden.

Allein auf dem Parkgelände wurden nach of­fiziellen An­gaben 2.228 Bäume gefällt, wobei diese Zahl nur die Bäume umfasst, für die eine Fällgenehmi­gung eingeholt wer­den musste. Diese wiederum muss aber nur für Bäume mit einem Stamm­durchmes­ser von mindestens 25 cm beantragt werden. (Überflüssig zu sagen, dass die Genehmigungen – auch nachträglich: Ups, der Baum ist schon weg! – in allen Fällen erteilt wurden.) Hinzuzurechnen sind also alle Bäume und Bäumchen mit weniger als 25 cm Stammdurchmesser, Gebüsch und sonstiges ‚Kleinholz‘ (siehe auch AKU-Artikel zum Rundgang auf dem igs-Gelände). Auch innerhalb der südlich gelegenen Kleingärten, die sich mehr oder weniger freiwillig in die Ausstellung integrierten, wurde fröhlich gesägt, z. B. um Platz zu schaffen für den Rosenboulevard, dessen Lebenserwartung sich auf den Zeitraum vom 26.04. bis 13.10.2013 begrenzen lassen dürfte.

Kleingartenverein Grüner Deich: der Rosenboulevard

Kleingartenverein Grüner Deich: der Rosenboulevard

‘Ausgleich’ für den Kahlschlag?

Um die ökologischen Auswirkungen solcher Kahlschläge abzufedern, gibt es § 13 des Bundesnaturschutzgesetzes, der etwas schwammig beginnt: „Erhebliche Beeinträchtigungen von Natur und Landschaft sind vom Verursacher vorrangig zu vermeiden.“ Diesen Satz hat die igs auch prompt missverstanden und war eifrig bemüht, Natur und Landschaft zu vermeiden. Das Ergebnis erfüllte damit den gesetzlichen Tatbestand der „nicht ver­meidbare erhebliche Beeinträchtigungen“, die durch „Aus­gleichs- oder Ersatzmaßnahmen“ kompen­siert werden sollen. Das heißt: Die mit behördlicher Genehmigung zerstörten Biotope und gerodeten Bäume (und nur diese!) müssen also durch die Schaffung von Ersatzflächen und Neupflanzungen ‚ausgeglichen‘ werden.

Räumlich sollte der ‚Ausgleich‘ auf den zerstörten Flächen selbst stattfinden – nicht nur in der etwas schlichten Logik der Betrachterin, sondern auch nach dem Verständnis des Bundesnaturschutzgesetzes, wonach Ausgleich/Ersatz geschaffen sei, „wenn und sobald die beeinträchtigten Funktionen des Naturhaushalts in dem betroffenen Naturraum“ wieder hergestellt seien (§ 15). Durch gesetzlich vorgesehene Ausnahmen (Flächenpools, Ökokonten usw. usf.) werden allerdings nur weniger als die Hälfte der Ausgleichs-maßnahmen tatsächlich auf dem igs-Gelände umgesetzt. Die Zerstörung durch die igs- Lärmschutzwand findet ihren Ausgleich an der Doven Elbe im entfernten Bergedorf – der weitaus größte Teil der Ausgleichsflächen befindet sich im Osten der Insel in Moorwerder und Stillhorn.

So wird beispielsweise in den Gräben beiderseits der Autobahn A 1 mit dem Wasser- stand gespielt, denn die Naturschutzabteilung der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU) hofft, auf diese Weise „das Gelände für Wiesenvögel, insbesondere den Kiebitz, interessanter zu machen“. Löblich, denn die Wiesenbrüter sind tatsächlich durch Vermessungs- und Bauvorbereitungsarbeiten z. B. von den benachbarten Kirchdorfer Wiesen und aus Georgswerder vertrieben worden. Allerdings nicht vom igs-Gelände. Sicherlich ist es kleinlich nachzufragen, inwiefern der Kiebitz und seine Freunde eigentlich die von der igs gemordeten Molche ‚ausgleichen‘ können – Tier ist nun mal Tier.

Ob die andernorts Vertriebenen überhaupt den Weg hierher finden werden und wie gemütlich sich die Vogelschar in ihrem neuen Zuhause an der Autobahn einrichten wird, lässt sich zurzeit ebenso wenig abschätzen wie die Überlebenschancen der neugepflanzten Bäumchen. Zweifel scheinen angebracht.

Überhaupt ist es mehr als fraglich, ob die auf dem Reißbrett geplanten Biotopaufwertungen funktionieren. Zudem gibt es durch ‚Mehrfach-Ausgleich‘ ein fröhliches Getümmel unterschiedlichster Maßnahmen auf teils geringem Raum: So konkurrieren auf dem Moorwerder Flurstück 9777-2 mit einer Gesamtgröße von 0,04 km² die Gehölzersatzpflanzungen aus dem igs-Parkgelände mit den Bäumen, Gehölzen und Gebüsch, die als Ersatz für das zerstörte Biotop Dratelnstraße (temporärer Parkplatz für die igs) gedacht sind; dazu gesellen sich noch die Ausgleichsmaßnahmen für den Grünzug Reiherstiegknie sowie für den Kanukanal. Unabhängig von der konkreten Ausgestaltung ist natürlich auch hier festzuhalten, dass die Ausgleichsflächen vor Ausbruch der Maßnahmen keineswegs ‚leer‘ waren. Im Gegenteil: Intakte Biotope werden zerstört, indem u. a. Feuchtgrünland umgestaltet und Gehölz gerodet wird, um Platz für die ausgleichenden Bäumchen zu schaffen.

So stellt sich schließlich die Frage, ob und wann die zarten Neupflänzchen denn tatsächlich als ‚Ausgleich‘ für die 5.000+ gefällten Bäume gelten können. Auch ohne fundierte Kenntnisse der Biologie dürfte klar sein, dass Baumersatz viele Jahrzehnte benötigt, und selbst optimistische Kreise wie BSU und Hamburger Abendblatt gehen davon aus, dass mindestens 25 Jahre notwendig sind. Entsprechend äußerte sich igs-Geschäftsführer Heiner Baumgarten „Ich werde nicht mehr erleben, dass hier der Specht klopft.“, als er im März 2012 medienwirksam eine schüchterne Weißbuche mit 5 cm Stammdurchmesser ersatzpflanzte.

Heiner Baumgarten

"Ich werde nicht mehr erleben, dass hier der Specht klopft."

Ob die kleine Weißbuche in 25 Jahren tatsächlich ebensoviel CO2 bindet wie ein Baum, der im stattlichen Alter von 60, 70 Jahren niedergestreckt wurde, ob also von ‚Ausgleich‘ gesprochen werden kann, mag bezweifelt werden. Vor allem aber ist die Grundlage für derart naive Rechenspielchen schlicht absurd: Es wird suggeriert, dass die gefällten Bäume, wenn sie nicht gerodet worden wären, ihr Wachstum eingestellt hätten – zumindest bis die Ersatzpflanzen das gleiche Alter erreicht hätten. Naturgemäß wächst ein Baum allerdings weiter, d. h. in 25 Jahren hat der 50-jährige Baum die Größe eines 75-jährigen Baums… Wenn wir der natürlichen Logik folgen, kann es also niemals einen Ausgleich für willkürlich gefällte Bäume geben.

Ökologische Kollateralschäden mit System

Durch die eingangs erwähnte enge Verbindung von igs und Natur in der öffentlichen Wahrnehmung ergibt sich beinahe zwangsläufig, dass gerade die immense Naturzerstörung im Auftrag der igs kritisiert wird. Stellvertretend für viele kann sicherlich der FDP-Abgeordnete Kurt Duwe zitiert werden: „Die Zerstörung bestehender Biotope kann nicht Sinn einer Gartenausstellung sein.“ Auf den ersten Blick scheint diese prägnant formulierte Kritik einleuchtend, löst sich bei näherem Hinsehen allerdings in ihr Gegenteil auf.

Hierzu muss die igs im historischen Kontext der bundesdeutschen Gartenshows seit 1945 betrachtet werden: In der Nachkriegszeit wollten diese Veranstaltungen einerseits der Bevölkerung die Themen Gemüseanbau und Selbstversorgung nahebringen, andererseits stand der Wiederaufbau der während des 2. Weltkriegs zerstörten Parkanlagen im Vordergrund. Am Ende der fetten 1950er Jahre hatte das Wirtschaftswunder die Selbstversorger_innen in die satte Konsumgesellschaft überführt, die eifrig überall Neubauten hochzog.

Somit gibt es seit Beginn der 1960er Jahre kaum mehr stadtnahe Freiflächen, die in Parks verwandelt werden können, was der Deutsche Werkbund schon in seiner Broschüre Durch Pflege zerstört anlässlich der Zerstörungen durch die BUGA Kassel 1981 beeindruckend dokumentierte. Konsequenterweise werden bereits vorhandene Parks und ehemalige Ausstellungsflächen ’saniert‘ bzw. ‚überformt‘, wie es im Fachjargon heißt. Diese Praxis zeigt sich auch in Hamburg: 1953 wurde im Rahmen der ersten IGA nach Kriegsende das 35 ha große Gelände Planten un Blomen gärtnerisch gestaltet; für die zweite IGA 1963 wurde dieses Ausstellungsgelände um die Wallanlagen auf 76 ha erweitert und landschaftsarchitektonisch in Szene gesetzt; die dritte IGA 1973 ‚überformte‘ schließlich genau dieselben 76 ha mit Neuerungen wie einen Kinderspielplatz oder dem japanischen Teehaus anstelle der seit 1963 gewachsenen Gehölze.

Eine Folge dieser Zerstörungs-/Neugestaltungswut, die sich übrigens auch in Teilen des Geländes Planten un Blomen beobachten lässt, hat erst in den letzten Jahrzehnten an Bedeutung gewonnen: Durch Entleerung der Parks, Begra­digungen und neu geschaffene Sichtachsen wird nicht nur der öffentliche Haushalt durch minimierte Kosten für die Parkpflege entlastet, sondern die Über­wachung im öffentli­chen Raum wird quasi natürlich er­leichtert – der glä­serne Park für den kon­trollmani­schen Staat!

Mit Blick auf die oben zitierte Kritik lässt sich jedenfalls insgesamt feststellen: Die Zerstörung bestehender Biotope ist sehr wohl Sinn einer Gartenausstellung!

 


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