Monetäre Effekte

Streng genommen handelt es sich bei der igs (internationale gartenschau) gar nicht um eine „Gartenausstellung“, sondern um eine „Gartenbauausstellung“. Ursprünglich wollte die igs ja als IGA (Internationale Gartenbauausstellung) antreten; da aber wegen europäischer Konkurrenzveranstaltungen der Veranstaltungsrhythmus der IGA von den 3-er Jahren (1953, 1963, …) auf die 7-er Jahren verlagert wurde, sollte die IGA 2013 zu einer BUGA (Bundesgartenschau) herabgestuft werden. Diese Degradierung empfand die ‚weltoffene Stadt‘ als Beleidigung, so dass als Kompromiss die irgendwie international klingende Bezeichnung igs eigens für das Event 2013 geschaffen wurde.

I. Gartenbau-Industrie jubelt: alles gratis!

Eine solche mikroskopische Betrachtung der Bezeichnung mag als Haarspalterei erscheinen, denn schließlich haben wir gelernt: Namen sind Schall und Rauch. Also betrachten wir mal die Veranstalterin selbst, die igs GmbH, etwas genauer: Gesellschafterin dieser GmbH ist mit zwei Dritteln der Anteile – wenig überraschend – die Freie und Hansestadt Hamburg (FHH), ein weiteres Drittel der Beteiligung wird von der Deutschen Bundesgartenschau Gesellschaft (DBG) gehalten.

Die DBG ist der Dachverband des Zentralverbands Gartenbau e. V., des Bundesverbands Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau e. V. sowie des Bunds deutscher Baumschulen, d. h. sie vertritt die Interessen des gesamten organisierten Gartenbaus Deutschlands (und weiterer illustrer Unternehmen wie z. B. Braun GmbH oder R + V Versicherung qua deren Mitgliedschaft im Zentralverband Gartenbau e. V., wenngleich nicht damit zu rechnen ist, dass den igs-Besucher_innen ein Rasierapparat oder eine Versicherungspolice aufgedrängt werden wird). Als Interessensvertretung des Gartenbaus – evt. im weitesten Sinne, wie gerade angedeutet – hat die DBG selbstverständlich handfeste kommerzielle Interessen, nämlich dafür zu sorgen, dass die Aufträge für Arbeiten im Rahmen der Gartenshows an ihre Mit­glieder, d. h. die organisierten Gartenbaufirmen, Baumschulen, Stau­dengärtne­reien usw. usf., vergeben werden. Neben konkreten Aufträgen bieten die Schauen den Unternehmen eine Präsentationsbühne, die für künftige Produktvermarktung genutzt werden kann – so ruft denn auch die DBG ihren Mitgliedern zu: „… Ihre Betriebe haben die Möglichkeit sich einer breiten Öffentlichkeit und Ihren Kunden vorzustellen. Hier findet Lobbyarbeit für die gesamte Grüne Branche statt!“

Grün.Macht.Geld

"Grün.Macht.Geld" - Unter diesem label tourt die igs 2013 durch die Welt und erklärt ihr Geschäftskonzept.

Für Veranstalterin und beteiligte Unternehmen ist eine Gartenshow also eine Handels- messe, die sich nicht von Ausstellungen wie die IAA (Autobranche) oder Cebit (Computernerds) unterscheidet. Oder doch?

Es gibt einen kleinen, aber feinen Unterschied, nämlich die Finanzierung: Während die Kosten für die Durchführung einer Messe üblicherweise von den Branchenfirmen übernommen werden, werden die Ausstellerunternehmen der Gartenshows nicht mit pekuniären Lasten behelligt und können sich unbeschwert ihren Schösslingen zuwenden, denn die Kommune zahlt! So werden den Ausstellerbetrieben die Flächen und die durch die Stadt finanzierten Hallen kostenlos zur Verfügung gestellt. Zusätzlich erhalten die Ausstellenden einen finanziellen Ausgleich bei „Minderung der Qualität der ausgestellten Ware“, im Klartext: Wenn das Ausstellungsstück kaputtgeht, haftet weder Unternehmen noch Verursacher_in, sondern es zahlt… die Stadt. Eine in doppelter Hinsicht subventionierte Messe der Gartenbau-Industrie!

II. Verlustgeschäft für die Stadt: Geldverbrennungsmaschinerie igs

Zu den Kosten für derartige Subventionen müssen natürlich weitere Ausgaben für die Vorbereitung und Durchführung der igs hinzugerechnet werden, die der Rechnungshof der FHH in seinem 2012 vorgelegten (nicht abschließenden!) Jahresbericht mit ca. 154 Mio. € beziffert. Hierin nicht enthalten sind übrigens Ausgaben für weitere Maßnahmen wie Lärmschutz oder Straßenbau, die von anderen städtischen Projektträgern wie dem Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer oder der Projekt­gruppe Sprung über die Elbe bei der BSU getragen werden. Dass es sich bei den bezifferten 154 Mio. € nur um einen Schätzwert mit viel Spielraum nach oben handelt, zeigt nicht nur der hämisch grinsende Blick auf die Elbdisharmonie, sondern auch die Schätzungen der Folgekosten für Pflege und Unterhalt des igs-Parks, die fröhlich von 30.000 € pro Jahr (2004) auf 1,5 Mio. € pro Jahr (2012) angepasst wurden – eine erstaunliche Verfünfzigfachung…

Angesichts solcher Zahlen stellt sich die Frage, ob die hanseatische Finanzakrobatiktruppe ernsthaft hoffen kann, dass der begehrlich erwartete igs-Tourismus diese Kosten zumindest teilweise refinanzieren wird. Der Vorsitzende der Hamburg Tourismus GmbH von Albedyll verbreitete im September 2012 in dieser Hinsicht fröhlichen Optimismus, denn: „Insbesondere die Gastronomie und Hotellerie werden von dem Großereignis profitieren.“ Und er hoffe, „die Marke von 10 Millionen Übernachtungen zu knacken.“ Der Aussagegehalt dieser euphorisch anmutenden Worte ging schon zum Zeitpunkt der Äußerung gegen Null – nicht nur für Mathegenies: Denn die Anzahl der Übernachtungen war bereits von 8,95 Mio. in 2010 auf 9,5 Mio. 2011 gestiegen; wenn dieser Zuwachs von 0,5 Mio. fortgesetzt wird, wird die achsogroßartige „Marke von 10 Millionen“ bereits im Jahr 2012 überschritten. (Irgendwann übrigens hat auch die Hamburg Tourismus GmbH dies nachgerechnet, kam zu demselben Ergebnis und ließ ihren Pressesprecher im November 2012 verkünden: „Wir werden dieses Jahr die Marke von zehn Millionen Übernachtungen knacken“. )

Andere, aber nicht weniger lustige Zahlenspielchen betreffen die Anzahl der zur igs erwarteten Besucher_innen. So wurde in der Machbarkeitsstudie 2001 eine Zahl von 5,0 Mio. in den Raum geworfen, begleitet von fabulierten Einnahmen in Höhe von 13,6 Mio. €. Dies waren zunächst rein politisch motivierte Angaben, schließlich ging es im Anfangsstadium noch um Überzeugungsarbeit (‚Wir können IGA‘). Bereits im Durchführungsgutachten 2007 sind diese wildspekulativen Zahlen dann auch deutlich nach unten korrigiert worden: Analog zu den seit Jahrzehnten sinkenden Besucher_innenzahlen der vorangegangenen Gartenshows wurde jetzt die Erwartung auf 2,5 Mio. Besucher_innen – und nur mehr 0,5 Mio. Einnahmen – runtergeschraubt. Im folgenden Durchführungsgutachten 2010 wurden diese Angaben zwar erneut behauptet, aber vorsichtshalber gleich mit einer Alternative gerechnet für den Fall einer „nicht optimal durchgeführten IGS“ (hierzu zählt u. a. die nicht – rechtzeitig – verlegte Wilhelmsburger Reichsstraße, die mitten durch das igs-Gelände führt): In der alternativen Lesart werden nur noch 2,2 Mio. Besucher_innen erwartet, und die igs wird ein Minus von 5,9 Mio. € einfahren.

Alternative hin, Alternative her, laut Rechnungshof der FHH geht die BSU mittlerweile davon aus, „dass die IGS mit einem wirtschaftlichen Fehlbetrag […] in Höhe von 47,1 Mio. Euro abschließen wird.“ Aber, so der Rechnungshof weiter: „Der wirtschaftliche Fehlbetrag sollte durch nicht monetarisierbaren Nutzen – vor allem dem Imagegewinn der Stadt im In- und Ausland mit Auswirkungen auf den Tourismus und die Wirtschaft und damit auf das Ziel ‚Wachsende Stadt‘ sowie Aufwertung des Stadtteils Wilhelmsburg […] – aufgewogen werden.“

 


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