Stadtentwicklung: sportlich bis Olympia

Damit die zusammenhanglos wirkende Überlassung öffentlicher Flächen an die vorgenannten Betreibergesellschaften von Sporteinrichtungen nicht als das erscheint, was sie ist, nämlich gnadenlose Privatisierung öffentlichen Raums, gelang es der igs (wenn auch reichlich spät) einen Zusammenhang für ihr Tun zu konstruieren: „Beleuchtete Laufstrecken, Bouleplatz, Skateranlage, Schwimmhalle, multifunktionales Spielfeld, Kletterhalle, Hochseilgarten und eine Sport- und Basketballhalle sowie mehrere Spiel- plätze bieten unzählige Bewegungsangebote für Jung und Alt. Die igs 2013 hat hierzu ein Konzept mit der Marke ParkSport entwickelt.“

Die Marke ParkSport©

ParkSportDie letzten Worte des Zitats sind übrigens tatsächlich wörtlich zu nehmen: Die igs entblödete sich nicht, im Oktober 2011 ‚ParkSport‘ als Wort-/Bildmarke beim Deutschen Patent- und Markenamt eintragen zu lassen. Neben dieser Albernheit sind jedoch andere Aspekte wirklich ärgerlich.

So wird in der Aufzählung stolz ein „multifunktionales Spielfeld“ (in der Alltagssprache als Sportplatz bekannt) angeführt – hier offensichtlich eine Neuentdeckung, mit der die igs die Öffentlichkeit beglücken will. Schon dies ist dreist angesichts der bisher erfolgten Vernich­tung öffentlicher Sportplätze durch die Stadt, z. B. Verkauf des Sparbierplatzes in Eimsbüttel für den Ausbau der benachbarten Privatklinik (o. k., ein kleinerer Teil ging auch an den Eimsbütteler Turnver­band, eher bekannt für gehobene Mitgliedsbeiträge). Die unternehmerische Stadt kann sich nun noch unbekümmerter der öffentlichen Sportplätze entledigen, da ja deren Funktion auf öffentliche Grünanlagen, wie den sog. Inselpark ab 2014, draufgesattelt wird.

Richtig unverschämt ist ebenfalls der Versuch, „mehrere Spielplätze“ als igs-Konzept zu verkaufen, denn so wird suggeriert, dass Plätze für Kids neu entstehen würden. Verschwiegen wird dabei, dass der igs-Hauptspielplatz Jules Verne, benannt nach einem der großen antisemitischen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, direkt auf einen bereits bestehenden Spielplatz gesetzt wird. Und dass eben dieser Spielplatz am Kuckuckshorn, den selbst die Lokalpresse schwärmerisch „zu den größten und schönsten seiner Art im Stadtteil“ zählt, mindestens anderthalb Jahre lang für die Kids – ersatzlos! – gesperrt ist.

Die Aufzählung solcher witzigen und aberwitzigen Taten der igs, begangen im Namen der Marke ParkSport©, muss hier nicht fortgesetzt werden, zumal die Auswüchse demnächst möglicherweise überall in der Stadt beobachtet werden können, denn: „Das ParkSport-Konzept hat Eingang gefunden in der Dekadenstrategie Sport für die Stadt Hamburg und soll über Wilhelmsburg hinaus Impulse sowohl für die städtische Freiraumgestaltung, als auch für die Nutzung von Grünräumen und Parks setzen.“ Die öffentlichen Grünanlagen sollen also, nachdem sie endlich von den Resten der Trimm-dich-Pfad-Bewegung der 1970er Jahre befreit wurden, nun von fröhlich lärmenden Grüppchen, die in modernster ParkSport©-Bekleidung auf strapazierfähigen Kunstrasenflächen der Stelle hopsen, bevölkert werden – eine hübsche Vision!

Die Marke ParkSport©: "Bewegungsangebote für Jung und Alt"

Die Marke ParkSport©: "Bewegungsangebote für Jung und Alt"

Schon dieses Szenario mag manchen als GAU (Größter Anzunehmender Unfug) erscheinen, doch der Super-GAU steckt im ersten Teil des Zitats, wo nämlich die igs erklärt: „Das ParkSport-Konzept hat Eingang gefunden in der Dekadenstrategie Sport für die Stadt Hamburg…“ Kleingeister bemängeln hier, dass die igs trotz millionenschweren Werbeetats auf das Lektorat für deutschsprachige Broschüren verzichtet, sollte doch grammatikalisch korrekt die Richtung mit dem Akkusativ (folglich in die Dekadenstrategie) angesteuert werden. Was immer allerdings das Konzept in der Dekadenstrategie gefunden hat, tritt hinter die Strategie selbst zurück.

HAMBURGmachtSPORT

Vorgestellt wurde das Papier mit dem Titel „HAMBURGmachtSPORT: Dekadenstrategie für den Hamburger Sport“ im September 2011 von der Zukunftskommission Sport, die von Innensenator Michael Neumann, hier in seiner Funktion als Sportsenator, höchstpersönlich eingesetzt worden war. Dass dieses 10-Jahresprogramm nicht vorrangig dazu gedacht ist, Herzinfarkte oder Übergewicht der Bevölkerung zu reduzieren, formuliert die visionäre Kommission u. a. in der Präambel: „Gewollt ist der ständige Wettbewerb um höhere Qualitäten und ein Wachsen an der jeweiligen Aufgabe, damit Hamburg am Ende der Dekade in möglichst vielen Disziplinen des aktiven Sportbetriebs Vorbildcharakter hat.“ Diese hochtrabenden Worte werden dann in dem Papier als zehn Ziele konkretisiert, die doch bitte bis zum Jahr 2020 realisiert werden sollen. Zur Illustration picken wir nachfolgend kurz eines der ‚Dekadenziele‘ heraus.

Das ‚Dekadenziel 4‘ trägt beispielsweise den Titel „EVENTmachtHAMBURG – Stadt als Stadion für Ligen und Sportevents“, dessen erste Wörter bei vielen wohl schon einen Würgereiz auslösen. So richtig hoch kommt der Mageninhalt dann an der Stelle, wo die praktischen Maßnahmen zur Zielerreichung beschrieben werden. So sollen jedes Jahr (!) wiederkehrende Sportevents im Abstand von vier bis sechs Wochen (!) stattfinden, d. h. zehn weitere Großveranstaltungen, die „Hamburg Top Ten“, ausgewählt von der Zukunftskommission Sport, werden die Bewohner_innen belästigen.

Daneben will sich die „Stadt als Stadion für Ligen“ profilieren, wozu auch die igs 2013 ihren bescheidenen Beitrag leistet: der Ausbau der Blümchenhalle zur bundesligatauglichen Basketballhalle, die neue, für Wilhelmsburg überdimensionierte Schwimmhalle oder auch der entleerte Park, der sicherlich zum Stadion umgebaut werden kann, wenn erst die Blumenbeete zertrampelt und die Gelder zur Parkpflege verbraucht sind. Da das Bereitstellen der Infrastruktur aber nur die halbe Miete ist, werden zusätzlich „bestehende Werberestriktionen im öffentlichen Raum gelockert“, um den kommerzialisierten Profisport anzulocken. Aber natürlich gibt es diese Vorleistungen nicht umsonst: „Alle Profiligen wie auch die Sportgroßveranstalter promoten als Botschafter die Marke Hamburg sowie städtische Interessen als ihren Beitrag zu HAMBURGmachtSPORT.“ Selbstredend entsprechen „städtische Interessen“ vollumfänglich den Wirtschafts-interessen, die jetzt auch gezielt durch „Sportpolitik als städtische Strukturpolitik“ (aus der Präambel) gefördert werden sollen.

Auf dem Weg zur neuen Olympiabewerbung

Die Krönung des Ganzen wäre dann eine erneute Olympiabewerbung, worauf Bürgermeister Olaf Scholz im Sommer 2012 schon mal locker vorbereitete: „Wir haben eine Dekadenstrategie entwickelt, um Hamburg beim Sport langfristig eine Perspektive zu geben. Eine dieser Perspektiven könnte später eine Bewerbung um die Ausrichtung Olympischer Spiel sein.“ Weniger locker, sondern tatkräftig eilte ihm die igs GmbH auf dem Olympiaweg voraus, indem sie im Mai 2012 eine Kooperationsvereinbarung mit dem Deutschen Olympischen Sportbund abschloss. Neben worthülsenreicher Lobhudelei für beide Seiten soll gemeinsam ein besonderes „ParkSport-Abzeichen“ entwickelt werden, das „im Jahr 2013 von Besuchern der Gartenschau absolviert werden kann.“ Ein großes Vergnügen: Schwitzende, japsende Menschen, die durch Blumenbeete hecheln, das Kükenbrack durchschwimmen, in die Sandkiste von Jules Verne weitspringen und an den Stelzen der Monorailbahn entlang turnen, um sich dann ein Abzeichen an die stolzgeschwellte Brust zu heften!


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