Der Stadtteil: leere Versprechen und Nerv

Nachdem wir einige Funktionen der igs 2013 für die Gartenbau-Industrie, die städtische Politik und die Hamburger Wirtschaft betrachtet haben, soll noch einmal der Austragungsort ins Visier genommen werden. Denn abschließend bleibt die Frage, ob der durch Abholzerei und Blumenaussaat erhoffte Imagegewinn denn auch bei den Bewohner_innen der lange Zeit stigmatisierten Elbinsel ankommt.

Leere Versprechen: Arbeitsplätze…

Um die Wilhelmsburger_innen für die igs zu begeistern, wenigstens aber Akzeptanz zu schaffen, wurde – wie üblich – das Argument ‚Arbeitsplätze‘ hervorgekramt. Bei einer Werbeveranstaltung vor Ort im Januar 2001 kündigte der damalige grüne Umweltsenator Porschke 1.400 Dauerarbeitsplätze für Wilhelmsburg an; zusätzlich sollten 8.800 befristete Jobs durch die Show entstehen. Diese Zahlen waren natürlich genauso absurd wie die oben erwähnte Gewinnerwartung in der Machbarkeitsstudie des gleichen Jahres. Übrig geblieben sind einige (Selbst-)Ausbeutungsmöglichkeiten, die glücklicherweise alle auf sechs Monate befristet sind.

Da wären zunächst die Selbstständigen, die im März 2012 dazu aufgerufen wurden, irgendwie 450 bis 500 € zusammenzukratzen, um hiervon Lehrgang und Prüfung zu igs-Gästeführer_innen zu bezahlen. Großzügig versprach die igs ihnen im Gegenzug so viel Arbeit, „dass die Teilnahmegebühr durch den Einsatz auf der igs 2013 refinanziert werden kann“.

Sodann wird bereits seit Monaten ein Arbeitsplatz als „igs-Maskottchen“ wie Sauerbier angeboten: „Wir suchen ab sofort bis Oktober 2013 Personen, die in unserem Maskottchenkostüm bei Promotionaktionen auftreten. Unser Maskottchen ist eine Schildkröte und heißt Felix.“ Diese spannende Tätigkeit richtet sich auch explizit an die nicht akzentfrei deutschsprechende Bevölkerung, denn die Aufgabenbeschreibung weist eigens darauf hin, dass „nur darstellen, nicht sprechen“ verlangt wird. Zum Glück scheint sich hier niemand zu finden, der Felix heißt oder sich sonst wie zum Deppen machen will.

Neue Arbeitsplätze für Wilhelmsburg!

Neue Arbeitsplätze für Wilhelmsburg!

Schließlich gibt es noch richtige Arbeit: 45 Wochenstunden im Rahmen einer 6-Tage-Woche von 8 bis 19 Uhr in zwei Schichten (mehr davon bei Sonderveranstaltungen) im Gastronomiebereich! Hier hofft die Arbeitsagentur, eifrig unterstützt von den Lokalmedien, Leute für ein halbes Jahr von der Arbeitslosenstatistik in einen schlecht bezahlten Job zu brutalen Konditionen zu überführen, indem sie geeignete Bewerber_innen auswählt und an einen anonymen Arbeitgeber vermittelt. So anonym muss dieser Arbeitgeber aber gar nicht bleiben: Ein wenig Internetrecherche fördert den sächsischen Großveranstaltungs- und Cateringservice Polster Catering zutage, der bereits auf 19 Landes- und Bundesgartenschauen exklusiv die Massen beköstigt hat und auch 2013 neben der igs zwei weitere Gartenshows kulinarisch betreut. Ein Schelm, wer hier an Kungeleien denkt… Quasi als Andenken behält Polster Catering übrigens von jeder Gartenschau eine Restauration für sich zurück – aus den Angeboten der igs 2013 suchte sich der Cateringservice das schon erwähnte Wasserwerk aus.

Von den angekündigten Beschäftigungseffekten durch die igs bleibt insgesamt nicht viel übrig; entsprechend pessimistisch vermutet auch das IBA/igs Beteiligungsgremium im Mai 2012: „Die Entwicklung der Arbeitslosenstatistik legt den Verdacht nahe, dass IBA und igs keine positiven Entwicklungsimpulse setzen konnten.“

… und Beteiligung

Die igs sollte aber nicht nur Jobmotor sein, sondern auch allgemeine Interessen der Bewohner_innen berücksichtigen, denn, so der Geschäftsführer der DBG Sandner: „All das funktioniert nur in Partizipationsvorgängen. Dafür bringen wir die Bürger, die Politiker, die Wirtschaft und die Kultur an einen Tisch.“

Um die­sen Tisch zu besetzen, wurde – gleich in einem Ab­wasch gemeinsam mit der IBA – das IBA/igs Beteiligungsgremium geschaffen, dessen Mitglieder durch die Nachfolgeorganisationen der ehemaligen Ortsausschüsse eingesetzt werden. Seit De­zember 2006 tagte dieses Gremium regelmäßig monatlich und ungestört von den dort rederechtlosen Bewohner_innen, denen eben nur auf Antrag ein Rederecht zugestanden wurde.

Trotz dieser Regelmäßigkeiten war das Zusammentreffen allerdings wenig er­folgreich, und das Gremium stellte rückblickend im Mai 2012 ernüch­tert fest: „Der Begriff Multiplikatorgremium hätte besser gepasst als Beteiligungsgremium“, denn, so heißt es weiter: „In Zusammenhang mit der Entstehungsgeschichte des Gremiums wird deutlich, dass das Gremium so angelegt wurde, dass es eine beratende/ konsultierende Funktion einnimmt. Die Funktionen von Mitwirkung, Mitentscheidung und Mitbestimmung standen nicht im Fordergrund.“ Ford der Grund also, sich an solche Tische zu setzen, denn ihr einziger Zweck ist die Akzeptanzbeschaffung für bereits beschlossene Maßnahmen, indem ‚Mitbestimmung‘ geheuchelt oder die Illusion verbreitet wird, es könnten Krümel für einzelne Gruppen/Projekte vom Tisch fallen.

Protestkarte der Klasse 2c der Gesamtschule Wilhelmsburg gegen die Baumfällungen der igs

Protestkarte der Klasse 2c der Gesamtschule Wilhelmsburg gegen die Baumfällungen der igs

Dass diese Erfahrung jedoch stets neu ge­macht werden muss, zeigt auch das Beispiel der igs-Koopera­tion mit Schu­len. 2008 machten sich beispielsweise Fünf- bis Achtjährige der Gesamtschule Wilhelmsburg auf den Weg in den Park, um mittels fotogener Symbolik ‚Daumen hoch/runter‘ darüber zu befinden, welcher Baum zu erhalten bzw. zu fällen sei. Um ihrem Wunsch nach einer neuen Brücke näherzukommen, legten die Schüler_innen einige Monate später auch schon mal selbst Rosenschere und Säge an. Vorbei der Spaß, groß das Entsetzen allerdings, als die igs zum professionellen Kahlschlag ausholte, der auch die Bäume traf, die zuvor von den Kids als ‚erhaltenswert‘ eingestuft worden waren. Erstaunlich konsequent stellte die Klasse 2 c daraufhin ihre Zusammenarbeit mit der igs nach einem Jahr ein – sehr zum Bedau­ern der Schulleitung übrigens, die an der Kooperation weiter festhielt.

Der alltägliche Wahnsinn

Während die Akzeptanzbeschaffung für das Großevent igs im Vorfeld also je nach individueller Verortung mehr oder weniger gelungen scheint (in Nähe der Großbaustellen wohl eher: misslungen), steht die Nagelprobe im Veranstaltungsjahr an: 2,5 Mio. Besucher_innen werden erwartet, und besondere Spannung verspricht die Zeit vom 2. bis 4. Mai, wenn es heißt „Kirchentag 2013 zu Gast auf der igs 2013“, also ca. 100.000 Menschen zusätzlich sich auf den Weg machen.

Für diesen Weg wurden denn auch einige Ideen angedacht: Die finanziell Bessergestellten könnten die eigens eingerichtete Barkasse nutzen (12 € für die einfache Fahrt) – obwohl? Mal abwarten, denn im Januar 2013 verabschiedeten sich die in der Arbeitsgemeinschaft igs-Schiff zusammengeschlossenen Barkassenbetreiber_innen von diesem Vorhaben, hatten sie doch nach drei Jahren Planung plötzlich eine gewisse Unrentabilität des Projekts festgestellt. Die laufbegeisterten Besucher_innen könnten auch die Fähre zum neuen Anleger Reiherstiegknie nutzen (mindestens 30 Minuten Fußmarsch bis zum Parkeingang). Alle anderen werden wohl mit der S-Bahn anreisen, zumal extra für sie der Bahnhof samt Treppe abgerissen und neu gestylt wurde. Das einzig nicht Neue in dieser Aufzählung ist die S-Bahn selbst, denn die Deutsche Bahn AG wird vor 2017 weder längere Züge einsetzen noch die Taktfrequenz erhöhen, wie der Verkehrsausschuss im September 2012 versicherte. Auch auf die Möglichkeit eines Sonderhalts für Regionalzüge wurde lieber verzichtet. Wer die alltäglichen Verhältnisse auf der Strecke S 3 kennt, kann sich das entstehende Chaos ohne Übertreibung ausmalen.

fröhliches Pendeln im Nahverkehr

fröhliches Pendeln im Nahverkehr

Diese halbgaren Ideen für die touristische An- und Abreise scheinen allerdings wohl durchdacht im Vergleich zu der völligen Konzeptlosigkeit im Bereich des motorisierten Verkehrs. So wird beispielsweise die vielbefahrene Reichsstraße, die ja das igs-Gelände durchschneidet, tagsüber für Lkws gesperrt werden, damit die Tourist_innen in Ruhe durch die Ausstellung spazieren können. Da mit den Hafen- und Industriebetrieben jedoch keine vernünftige Lösung gefunden wurde, wird  Schwerlastverkehr nun durch Wohngebiete umgeleitet werden. Um die touristische Ruhe sicherzustellen, wurden überdies – teilweise temporäre -Lärmschutzwände entlang der Reichsstraße und des benachbarten Bahngeländes gestellt, die aufgrund von Schallreflexionen potenziell den Lärm für die Anwohner_innen auf der anderen Seite verstärken. Auch der speziell für das Ausstellungsjahr auf die Reichsstraße aufgetragene Flüsterasphalt wird nach 2013 den Straßenlärm eher verstärken, wenn nämlich die Poren sich durch Schmutz und Reifenabrieb zugesetzt haben werden. Der erforderliche Mehreinsatz von Streusalz kann in Ermangelung von Bäumen hier ja zum Glück keinen großen Schaden mehr anrichten.

Mit Menschenmassen, verstopften S-Bahnen, erhöhter Gefahr von Verkehrsunfällen und noch viel mehr Lärm wird die igs vielen Bewohner_innen im nächsten Sommer so richtig auf die Nerven gehen. Um eine solche Belastungssituation zu entschärfen, empfiehlt es sich, von Zeit zu Zeit Druck abzulassen, am besten durch zielgerichtete Aktionen: Die richtige Adresse für Unmutsäußerungen sind die politisch Verantwortlichen und wirtschaftlichen Profiteure! Die Tourist_innen dagegen sind eher die richtige Adresse für Information und Propaganda, denn:

igs 2013 – mit Sicherheit keine harmlose Blümchenschau!


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