Vermarktung von „kultureller Vielfalt“

Kosmopolis? Noch so ein schillerndes IBA Wort, dass uns beim ersten Lesen etwas ratlos zurücklässt. Schon mal irgendwo gehört? Schon mal in einschlägigen Veröffentlichungen gelesen? Fehlanzeige! Also sind wir erstmal auf unsere Fantasie angewiesen, oder wir werfen mal einen Blick auf die IBA Seite, um das Reich der Fantasien zu verlassen.  Unter dem Leitthema Kosmopolis will die IBA nicht weniger als aufzuzeigen, „wie die Zukunft des Miteinanders in der Metropole aussehen kann“ (IBA zu Kosmopolis). Gut gebrüllt, Löwe! Wer ein Feuerwerk abbrennen will, darf nicht zu bescheiden auftreten.

Als Anhänger von Visionen und Utopien stehen wir diesem Anspruch erstmal nicht abgeneigt gegenüber. Eine „Zukunft des Miteinanders“ klingt nach solidarischer Gesellschaft, Teilhabe für alle, Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen für alle usf.

Aber wir sollten misstrauisch bleiben, schließlich haben wir die IBA bei entscheidenden Baustellen und Konflikten in Wilhelmsburg bisher nicht auf der richtigen Seite angetroffen.

Wir lesen weiter:

Die IBA will Beispiele zeigen, „wie soziale und kulturelle Barrieren in einem ganzheitlichen Planungsansatz mit den Mitteln des Städtebaus und der Architektur, aber auch der Bildung, Kultur und Förderung lokaler Ökonomien überwunden werden können“.

Und von den Barrieren gehen wir weiter zu den Chancen:

„Es sind diese Orte des bunten Miteinanders, von denen die stärkste Kraft für gesellschaftliche Innovation ausgeht: Hier gibt es neue Ideen, neue Produkte, Trends und neue Lebenshaltungen. Hier eröffnen sich Chancen; etwa die Chance, zu zeigen, wie Kulturen und Schichten ein gemeinsames Stadtgefühl entwickeln können oder die Chance, Räume für eine internationale Stadtgesellschaft zu gestalten“.

Wenn wir das gelesen haben, machen wir einen kleinen Spaziergang durch Wilhelmsburg. Die Plätze und Orte, an denen es uns am buntesten scheint, haben mit der IBA nichts zu tun. Die Orte und Plätze. an denen ein miteinander organisiert wurde und wird, konnten das auch immer hervorragend ohne die IBA. Dann besuchen wir die neue Wilhelmsburger Mitte, da wo die IBA am präsentesten ist, und fragen uns: Sind das die architektonischen und städtebaulichen Mittel für ein gesellschaftliches Miteinander? Werden diese Orte Stätten der Begegnung und der gesellschaftlichen Innovation sein?

Wenn das ernst gemeint ist, sollten wir es als Drohung auffassen und unsere obigen Fantastereien ganz schnell vergessen und stattdessen die Streitaxt ausgraben!

Von der Wilhelmsburger Mitte aus besuchen wir das Korallusviertel. Eein Fußweg von lediglich zehn Minuten bringt uns aus der Stadt von Morgen zu den Realitäten von GAGFAH Mietern heute. Ein Vermieter, der seine Wohnblocks verrotten lässt und trotzdem stetig die Mieten erhöht. Eine Siedlung, in der es durchaus ein Miteinander gibt, aber keines, welches besonderes Interesse hervorruft. Nicht bei der IBA und nicht beim Vermieter. Außer es wird für ihn zur Bedrohung, denn Miteinander kann auch bedeuten: Kollektivität und Gegenwehr.

Zuletzt besuchen wir das Reiherstiegviertel. Der Ort, von dem angenommen wird, er wäre bald wie die Sternschanze. Der Ort, an dem dieses Bunte sein soll, wo die Kreativität pulsiert und Innovation unter jedem Pflasterstein zu vermuten ist. Und der Ort, an dem die Mieten, auch dank der IBA, am stärksten steigen, weil bunte Attraktivität auch für die Immobilienbranche von Interesse ist. Bis sie selbst dazu beiträgt, sie zu beseitigen.

Wieder zurück im zu teurem Zuhause resümieren wir.

Was wir in der Wilhelmsburger Mitte gesehen haben, erscheint uns fantasielos und fade, wie wir es bereits aus der Hafencity kennen. Wir hören böse Vorahnungen einer „gated community“, was so ziemlich das Gegenteil einer neuen Mitte für alle wäre.

Wir vermuten, dass wir mit der IBA keine Kosmopolis bekommen. Wir vermuten, dass wir statt Vielfalt Normierung bekommen und statt Gemeinsamkeit weitere Zonierungen der Quartiere auf der Insel. Und was wir sehen und hören bestätigt diese Vermutungen.

Wenn wir jetzt auf die IBA Seite zurückkehren, kriegen wir die Sprechblasen mit der Realität nicht mehr zusammen. Wir kriegen sie nur dann zusammen, wenn Unterschiedlichkeit auch die Akzeptanz und das Nichthinterfragen von sozialen Gegensätzen meint. Wer arm ist, „darf“ auch arm bleiben.

Man kann den Hype um Begriffe wie „Diversity“ (Vielfalt/Vielheit) kritisch hinterfragen, dem sich die IBA hier positiv bedient. Aber selbst wenn wir diese IBA- Ziele uneingeschränkt teilen würden, glauben wir nicht an ihre Verwirklichung. Bauausstellungen sollten sich nicht anmaßen,  gesellschaftpolitische und soziale Verwerfungen lösen zu können, dass wäre schon unlogisch, weil sie diese in der Regel reproduzieren. Aber v. a. ist es nicht ihr Auftrag, also sollten sie auch nicht so tun, als wenn es so wäre und sie quasi unter Laborbedingungen und im top-down Verfahren die kosmopolitische Gesellschaft von morgen planen.

Diese beginnt nämlich von unten und nicht von oben und mit Sicherheit ohne die IBA!


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