Imagepolitik und Leuchttürme

In der Stadtentwicklungspolitik ist nicht nur in Hamburg schon seit geraumer Zeit eine Tendenz zur „Festivalisierung“ bemerkbar. Gemeint ist damit sowohl die Dienstbarmachung von Events im Sinne der Stadtentwicklungspolitik und Stadtmarketing, als auch die zunehmende Verschmelzung von Einzelevents mit Großprojekten. In beiden Fällen wird raumwirksame Politik betrieben, ihre Form hat sich jedoch gewandelt: Sie hat mit der Hülle bzw. dem Andocken ans Event eine andere Akzeptanz, einen anderen Gestus, eine andere Reichweite, setzt vielfach auf eine Produktion von Images und verändert die Bedeutung und Wahrnehmung städtischer Räume.

IBA Waterhouses

Ursprüngliches Ausschreibungsbild für das IBA-Projekt "Waterhouses" auf dem igs-Gelände.

Diese Politik hat vielfach erst durch das Event eine nach außen vermittelbare Daseinsberechtigung bzw. einen Ausgangspunkt. Ob das Event-initiierende Ereignis natürlicher oder politischer Herkunft ist, scheint keinen Unterschied zu machen. So wurden beispielsweise nach den gewaltigen Zerstörungen durch Hurricane Katrina in New Orleans 2005 ganze Stadtviertel innerhalb weniger Jahre abgerissen und für eine zahlungskräftigere Klientel wieder aufgebaut. Dieses von der Stadtverwaltung seit langem verfolgte aber politisch nicht umsetzbare Vorhaben kommentierte der republikanische Abgeordnete Richard Baker mit den zynischen Worten:

„We finally cleaned up public housing in New Orleans. We couldn’t do it, but God did“.

Nun sind die IBA Hamburg oder die Olympischen Spiele in London natürlich nicht mit einem tropischen Wirbelsturm vergleichbar, aber das scheinbar einsichtige Zustimmen der Beobachtenden und das devote Verhalten der Betroffenen von solchen Großereignissen zeigt Parallelen. Der Zweck eines „vom Himmel gefallenen“ Großprojektes, dessen Lauf sowieso nicht mehr aufzuhalten sei, scheint Mittel und Wege zu rechtfertigen, die unter normalen Umständen enorme Proteste auslösen würden. Die event- und großprojektbasierten Umstrukturierungen des städtischen Raums sind Kraftakte der öffentlichen Verwaltung, die auf einem anderen Weg nicht (mehr) durchsetzbar zu sein scheinen.

Diese Kraftakte für den Augenblick sorgen gleichzeitig dafür, dass „nachhaltige“, also gegenüber der Zukunft verantwortliche Planung immer weniger stattfinden kann. Als ein beispielhaftes Produkt einer Politik, die – „Zukunftsthemen“ hin oder her – überwiegend projektbezogen und somit kurzfristig agiert, kann das Format der „Internationalen Bauausstellung“ gelten: Hier sind Umstrukturierungsprozess und Festival Eins geworden.

Kapitalistische Standortlogik

Diese Entwicklungen – eine zunehmende Wichtigkeit von Symbolen und Images in der Stadtentwicklung und deren Verbreitung mit Methoden, die dem Marketing und der Werbung entlehnt sind – stehen im Kontext postfordistischer Bedingungen: Der Strukturwandel bedeutete für räumliche Politik auch, dass die Bedeutung „weicher“ Standortfaktoren zur Ansiedlung von Wirtschaftsunternehmen gegenüber „harten“ zunahm. Die Herstellung „weicher Standortfaktoren“, um eine Anziehungskraft für die „richtigen Arbeitskräfte“ zu entwickeln („Kampf um die besten Köpfe“), erscheint folglich enorm wichtig, ebenso – oder fast noch wichtiger – die Verbreitung eines Außenbildes des jeweiligen Standortes, das das Vorhandensein dieser gewünschten weichen Standortfaktoren suggeriert.

Die offizielle Formel für diese neue Aufgabe der Stadtentwicklungspolitik lässt tief blicken: Man spricht hier vom „Wettbewerb der Metropolen“, in dem „die Marke Hamburg“ konkurrieren müsse. Wirtschaftlicher Aufschwung durch neue Dienst-leistungsarbeitsplätze und Tourismus sind die Versprechungen, Attraktivität für Dienstleistungsbetriebe und ihre Beschäftigten: „Qualitativ hochwertige“, mittel- und oberschichtsorientierte Freizeit-, Kultur- und Bildungsangebote Rohstoffvorkommen, Infrastruktur, staatliche Regulierung und Subventionierung, Arbeitskräftepotential die angeblich derjenigen Stadt zuteil werden, die am lautesten schreit. Der im politischen Raum weit verbreitete Maßstab für diesen Wettbewerb sind dann meist von Unternehmensberatern erstellte Städterankings, die Strukturdaten und schwammige „Wohlfühlfaktoren“ zu fragwürdigen Indizes zusammenwürfeln.

Diese Festivalisierung der Stadtentwicklungspolitik, die Übernahme von Methoden aus Marketing und Werbung sowie die Ausrichtung am imaginierten Konkurrenzkampf der Metropolen-Attraktivität bleibt natürlich nicht folgenlos für die Städte und ihre Bewohner_innenschaft: Öffentliche Mittel in beträchtlichem Umfang werden erschreckend bedenkenlos in Opernhäuser am Wasser, spektakuläre Architekturen, tourismustaugliche Sport- und Kulturevents und Prestigeinfrastrukturen angelegt. Und hinsichtlich der Stadterneuerungspolitik entstehen nun neben „integrierten Stadtentwicklungskonzepten“ heute eben lieber weithin sichtbare „IBAs“. Während Erstere sich durch ein in Punkto hipness eher lahmes „Sanierungsgebiet XY-Straße“ kon- kretisieren, werden Letztere durch funky Projekte wie „Weltquartier“, „Tor zur Welt“ oder „Energiebunker“ vermarktet. So wird eine Handlungsfähigkeit der Verwaltung suggeriert und nach außen zusätzlich Standortwerbung betrieben.

Alternativen der Stadtentwicklungspolitik

So erscheint eine Umstrukturierungspolitik à la IBA dann auch als das Gebot der Stunde und als quasi alternativlos. Am Beispiel des 2009 in Hamburg eingeführten Rahmenprogrammes „RISE“ und dessen Konkretisierung in Form des „Entwicklungsraum Billstedt Horn“ läßt sich jedoch zeigen, dass bei einer sehr ähnlichen strukturellen Ausgangslage neben der partykompatiblen Festivalpolitik auch die Option einer Stadterneuerungspolitik besteht, die sich in „integrierten Handlungskonzepten“, Einrichtungen der Sozialen Arbeit, Verfügungsfonds und Sanierungsgebieten ausdrückt.

Vor diesem Hintergrund erscheint eine scheinbar vom Himmel gefallene Internationale Bauaustellung – einmalige Gelegenheit, jetzt oder nie, alles oder nichts, friss oder stirb! – als ein Instrument der Umstrukturierung städtischer Räume neben vielen anderen: Nicht alternativlos und stets Produkt politischer Entscheidungen. Wenn also die Politik räumlicher Umstrukturierung, die in Stadtteilen mit ähnlicher sozioökonomischer Ausgangslage durchgeführt wird, zwischen diesen „klassischen“ Maßnahmen der Stadterneuerung und der des kampagnenartigen Events variieren kann, stellt sich die Frage nach den Kriterien, nach denen sich für eine dieser verschiedenen Formen entschieden wird – warum „IBA“, warum nicht „Entwicklungsraum“, „Soziale Stadt“ oder ähnliches? Es erscheint naheliegend, dass das entscheidende Kriterium hierfür die unterschiedliche Bewertung der Gebiete hinsichtlich ihrer möglichen ökonomischen und ideellen Verwertung im Kontext des geschilderten „neuen metropolitanen Mainstreams“ ist. Unter diesem Begriff wird versucht, die postfordistischen Stadtentwicklungspolitiken des „Wettbewerbs der Meropolen“, der „Stadt als Marke“, der Image-Kreation, der Politik der Großprojekte, Events und Festivals etc. zu fassen.

Ohne die „klassische“ Stadterneuerungspolitiken wie „Soziale Stadt“, Sanierungsgebiete, „integrierte Handlungskonzepte“ etc. als durchweg positiven Gegenpart zur Festivalpolitik im Stile einer IBA in Szene setzen zu wollen, kann man doch festhalten, dass die unterschiedlichen Vorgehensweisen andere Prioritäten setzen und die ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen entsprechend einsetzen. So schreckt die eine nicht vor der Benennung „sozialer Risiken, Problemlagen und Problemgruppen“ im Entwicklungsgebiet zurück und entwickelt ihre Maßnahmen aus dieser Perspektive, während die andere eine Zukunftsvision für das Gebiet zeichnet, die bereits einer bestimmten, aus dem politischen Raum stammenden Perspektive entspricht und Projekte entwickelt, die in diese Vision passen. Dass das eine in Gebieten wie Billstedt/Horn und das andere in Stadträumen wie Wilhelmsburg Anwendung findet, ist in diesem Zusammenhang kein Zufall. Die Stadtentwicklungspolitik setzt bei der Restrukturierung von Stadtgebieten je nach Zielsetzung unterschiedliche Strategien ein: Geht es um die Verwaltung von offenbar immobilienwirtschaftlich uninteressanten und von Leitbildern nicht berührten Resträumen wie Billstedt/Horn für diejenigen, denen das Stadtteilprogramm RISE eine „Bündelung sozialer Problemlagen“ attestiert, kommt die „klassische“ Bearbeitung „benachteiligter Gebiete“ zum Einsatz. Denn mit diesem allzu glanzlosen Fokus auf die Probleme lässt sich der Marktwert des betreffenden Gebietes schlecht steigern. Geht es allerdings darum, das ökonomische und ideelle Potenzial eines Gebietes wie Wilhelmsburg (zentrumsnah, Wasserlagen, Altbaubestand, Grün, wie gemacht für den „Sprung über die Elbe“) auszureizen, dem nur noch dessen momentane Bewohner_innen im Wege stehen, muss die Stadtentwicklung sehr viel bunter, lauter und werbewirksamer auftreten.

Die Fantasie vom „heilsamen Ausnahmezustand“

Sie tut dies unter dem Diktat der Formate, die sie angenommen hat – zeitliche und örtliche Konzentration bestimmen nunmehr den Einsatz der Ressourcen. Punktuelle Interventionen“ und „Projekte“ mit temporär begrenzter Laufzeit, die nach Beendigung der Schau abgebaut werden oder sich durch private BetreiberInnen selbst tragen sollen,„effektive Projektarbeitsgruppen“, „Akteursnetze“ und Outsourcing von Planungskompetenzen bestimmen das aktuelle „private-public-partnership“-Bild. „IBA ist: Ausnahmezustand“, sagt die IBA folglich auch über sich selbst.

Im Zusammenhang mit der angesprochenen vorangegangenen Vernachlässigungspolitik wirkt dieser festivalisierte Stadtumbauprozess mit seinen virtuellen Versprechungen wie eine weitere Verhöhnung der Bevölkerung. Während mit enormem Ressourceneinsatz krampfhaft Investoren für isolierte Neubauvorhaben gesucht werden, können nebenan weiterhin extrem sanierungsbedürftige Mietshochhäuser verfallen (siehe auch AKU-Seite zur GAGFAH). Die Lebensbedingungen der Bewohner_innen verschärfen sich durch dennoch steigende Mieten vor allem in den Gebieten, in denen die Nachfrage dank der Produktion eines interessanten Wilhelmsburg-Images besonders angezogen hat. Ein Erfolg des Formates „Festival“, dessen Aufgabe es ja letztlich ist, ein solches Image zu kreieren und zu verbreiten. Aber Leuchttürme werfen ihr Licht in die Ferne. Die sozialen und räumlichen Verwerfungen zu ihren Füßen, in den Niederungen der Realität, liegen dagegen im Schatten.

Ginge es wirklich um Wilhelmsburg, ginge es wirklich um ein Stadtviertel mit seinen sozialen und ökologischen Problemen, hätte man angesichts der dazu notwendigen Investitionen Besseres zu tun, als diese vielen Millionen Euro in Außenwerbung zu stecken. Die anzupackenden strukturellen Probleme wären allerdings auch weit weniger ausstellungstauglich.

 


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