Die verfehlte „Bildungsoffensive“

oder: wo ist WIM, der Bildungsbiber?

Wer auf der aktuellen Startseite der IBA Hamburg nach dem ursprünglichen IBA-Schwerpunkt „Bildungsoffensive“ sucht, wird enttäuscht: die Bildungsoffensive ist auf irgendeine Hintergrundebene verbannt worden. Warum verschwindet dieser Schwerpunkt ausgerechnet im Präsentationsjahr so sang- und klanglos? Und das kurz nach der PR-trächtigen Einweihung des Sprach- und Bewegungszentrums, einem von der Stadt und anderen Trägern finanzierten und von der IBA promoteten Bildungsleuchtturm?

Die Projektwerkstatt "Mügge" in einer 3D-Animation

Die "Projektwerkstatt Mügge" im Müggenburger Zollhafen gegenüber vom IBA Dock in einer schwungvollen Animation eines Architekten. Die düstere Realität besteht neben einem weniger prächtigem Prachtbau aus einem "Haus der Jugend" auf der Veddel, welches mitsamt seiner offenen Kinder- und Jugendarbeit gestrichen wird, nachdem das Personal in die "Mügge" umgesiedelt worden ist. Dort werden nun schwerpunktmäßig Berufsvorbereitungskurse angeboten, was als "Erweiterung der Bildungslandschaft" bezeichnet wird.

Hängt dieses Abtauchen vielleicht damit zusammen, dass durch den sogenannten „Brandbrief“ von 14 Schulleitern an den Bildungssenator vom Dezember 2012 die schöngeschminkte Fassade der IBA-Bildungsoffensive deren hässliche Risse nicht mehr kaschieren konnte?

Ein Blick zurück

Wie ist es zur IBA-Bildungsoffensive gekommen? Immerhin ist es kein für eine Bauausstellung typisches Thema. Das Thema Bildung wurde bei der Zukunftskonferenz 2001-2002 und in dem sog. Weißbuch ausführlich untersucht und Forderungen für eine Verbesserung der Kita- und Schulsituation formuliert. In der Bestandsaufnahme hieß es unter anderem:

1998 erreichten 27,6% eines Jahrganges keinen Schulabschluss oder brachen die Schullaufbahn vorzeitig ab. Das ist mehr als doppelt so viel wie im Hamburger Durchschnitt (11%). 32,2% erreichten einen Hauptschulabschluss, 12% das Abitur.

Für eine notwendige Verbesserung der Situation wurden im Weißbuch u.a. folgende Ziele formuliert: Verbesserung der Kita-Situation, Förderung der frühkindlichen Bildungs- und Förderangebote, Verbesserung der Kommunikation zwischen Kitas, Schule und Eltern, Erhöhung der Sprachkompetenz, Verbesserung der therapeutischen Versorgung, Erhöhung der Lehrerkompetenz durch Fortbildung, Erhöhung der Schulabschlussquoten, Verstärkung der Bemühungen für den Übergang in den Beruf usw.

Das Forum Bildung Wilhelmsburg

Als erster konkreter Schritt wurde 2002 das Forum Bildung Wilhelmsburg (FBW) mit dem Ziel des Aufbaus eines Netzwerks der Bildungseinrichtungen beschlossen. Wer gehofft hatte, angesichts der düsteren Lage würden Schulbehörde oder Senat angemessen reagieren, wurde enttäuscht: lediglich eine halbe Lehrerstelle wurde für die Koordinierungssabeit bewilligt.

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Die vom FBW angesichts dieser Bedingungen geleistete Arbeit ist nicht hoch genug einzuschätzen: Organisierung der Lesewochen, Kochwochen, Forscherwochen und Zirkus Willibald als Langzeitprojekte. Daneben organisierte und entwickelte das FBW die sog. Elbinsel-Pädagogik in langjähriger Kleinarbeit. Das FBW wird dabei durch „Stadtteilbeauftragte“ aus den Schulen, die eine sehr geringe Entlastung dafür erhalten, unterstützt und die Arbeit  in Arbeitsgruppen und Treffen mehrmals jährlich diskutiert.

Die vom FBW durchgeführten Projekte, Veranstaltungen und deren Ausstattung (Sach-, Personal- und Werbekosten, wie etwa für  Kostüme, Plakate, Flyer und auch die mit den Projekten verbundene Arbeitszeit) werden mehrheitlich durch privates Engagement und Spenden ermöglicht; seitens der Schulbehörde gab es bis auf die halbe Stelle für den Koordinator keine weitere personelle oder finanzielle Unterstützung. Die IBA unterstützte jedoch häufig Projektanträge (z.B. IBA-Innovationspreis und die Lesewoche).

Das FBW besteht jetzt seit mehr als 10 Jahren und gehört somit zu den am längsten kontinuierlich arbeitende Netzwerken im Wilhelmsburger Bildungswesen. Wenn in Sachen Bildung in Wilhelmsburg eine Weiterentwicklung nach 2001, zwar völlig unterfinanziert, stattgefunden hat, so hat das Forum Bildung Wilhelmsburg einen großen Anteil daran.

Die „Bildungsoffensive“ der IBA

Um das hochgesteckte Ziel einer umfassenden Stadtentwicklungsplanung herauszustellen, hat die IBA das Thema Bildung als ein Schwerpunktthema bestimmt und es wurde 2006 die Bildungsoffensive unter dem Namen „Bildungsoffensive Elbinseln“ (BOE) ins Leben gerufen. Dafür wurden bei der IBA-BOE Koordinierungsstellen eingerichtet. Maßgeblich an der Initiierung und anfänglichen Finanzierung war die BSU beteiligt, während sich die Schulbehörde zunächst zurückhielt.

WIM - Der IBA-Biber, das Maskotthen der Bildungsoffensive Elbinseln

WIM, das "Wilhelmsburger Insel Maskottchen", oder auch IBA-Biber, war das Maskotthen der "Bildungsoffensive Elbinseln", bis er wie die Bildungsoffensive selbst klammheimlich aus dem Programm der IBA verschwand.

Warum engagiert sich die BSU, eine ursprünglich themenferne Behörde? Die Antwort ist profan: Die BSU ist Initiatorin von igs und IBA, deren Ziel darin besteht, Wilhelmsburg für den erhofften Zuzug bürgerlicher Mittelschichten aufzuwerten und zu vermarkten. Also auch standesgemäße Bildungsmöglichkeiten im Angebot zu haben. Das sollen die leuchtenden neuen Bildungsgebäude vermitteln. Mit dabei in diesem vermeintlichen Bildungsaufwertungswettstreit waren auch kirchliche Akteure, die in den Jahren 2006-2008 für die Einrichtung einer evangelischen Privatschule eintraten. Argument: Dem Wegzug von bildungsnahen Familien mit Kindern muss mit der Schaffung von Angeboten begegnet werden, die den Ansprüchen dieser Klientel entsprechen. Diese Sichtweise hat mit den Weißbuch-Forderungen nach einer umfassenden und allgemeinen Verbesserung der Bildungssituation wenig gemein.

Die Zusammenarbeit der IBA Bildungsoffensive mit anderen Bildungsnetzwerken trat durch die zunehmende Fokusierung auf die neuen Bildungs-„Leuchtturmprojekte“ in den Hintergrund. Die im Weißbuch formulierten Ziele einer konsequenten neuen Bildungspolitik (s.o.) gerieten aus dem Blick. Diese Entwicklung war bereits im Namen IBA=Internationale Bauausstellung angelegt. Im herkömmlichen Sinn ist eine Ausstellung nicht auf Dauer angelegt: Sie hat einen Beginn und ein Ende.

Beendet wurden folgerichtig alle Arbeitsverträge der für die IBA-Bildungsoffensive tätigen Koordinatoren zum Jahresende 2012 beziehungsweise ersten Quartal 2013. Die Weiterführung der begonnen Arbeit steht momentan in den Sternen. Gleiches gilt für die neuen Bildungshäuser. Deren Betrieb und Finanzierung nach 2013 ist an vielen Stellen ungeklärt.

Schulleiter schlagen Alarm

Wie wenig die schönen neuen Bildungshäuser mit der Bildungswirklichkeit zu tun haben, geht aus dem „Brandbrief“ der 14 Wilhelmsburger Schulleiter hervor. Sie stellen lapidar fest:

Die Bildungssituation hat sich in den letzten fünf Jahren, gemessen an den Lernaus­gangslagen, nicht wesentlich verbessert. Die Zielsetzung der Bildungsoffensive hat keine Bodenhaftung ge­funden. Die realen Bedingungen der vorhandenen Akteure sind aus dem Visions-Auge verloren gegangen, die „Leuchtturmprojekte“ sind nicht – noch nicht – von der strategischen Überlegung auf die operationale Ebe­ne gelangt.

Auch der Kreiselternrat beklagt, dass durch neue Gebäude allein keine Verbesserungen erreicht werden, wenn nicht die erforderliche materielle und personelle Ausstattung dauerhaft und langfristig garantiert ist. Das ist und war aber nie Auftrag der IBA.

Die Schulleiter beschwören in ihrem Brief auch die desolate Situation an einigen konkreten Punkten (Übergang Kita-Schule und Ganztagslernen). Im Kern wird beklagt, dass die ständig wachsenden Anforderungen nicht durch notwendige finanzielle und ausreichend personelle Ressourcen durch die politischen Gremien unterstützt werden und weisen auf die Überlastung des Personals hin. Die Einrichtung der Regionalen Bildungskonferenz 2011 (Verbesserung der Koordination und Kommunikation der regionalen Bildungseinrichtungen) durch die Schulbehörde stellt sich als kontraproduktiv dar.

Preise, Preise, Preise

In völligem Kontrast zu dieser prekären Situation regnen jährlich Preise auf die Bildungseinrichtungen der Elbinseln herab. Wie verträgt sich das mit der Realität?

Ganz einfach: Die meisten Preise sind von privaten Stiftungen oder Firmen ausgeschrieben, und sind in der Regel projektorientiert („Theater“, „Müll“, „Klima“) und verschaffen den Schulen Zusatzeinnahmen, die äußerst willkommen sind, weil Finanz- und Personalausstattung der Schulen hinten und vorne nicht reichen. So gerne sich Schulen, Klassen und Schüler daran beteiligen und wie sinnvoll sie auch sein mögen: sie verschleiern letztlich die reale Situation.

Fazit

Mit der realen Bildungssituation (siehe den Brief der Schulleiter) hat die IBA-Bildungsoffensive nichts zu tun. Ein wirklicher Fortschritt kann nur durch deutlich höhere Bildungsetats erreicht werden. Dass an fast allen Schulen engagiert gearbeitet wird ist dem Engagement der Lehrer zuzuschreiben, die, wie es im „Brandbrief“ steht, ans Ende ihrer Kräfte gekommen sind.

Die Anforderungen an sie haben sich ständig erhöht, sie verrichten häufig mehr Sozialarbeit und Therapie als Unterricht. Diesen gestiegenen Anforderungen wird weder personell noch finanziell entsprochen. Und, als ob das nicht schon reichen würde, werden die Schulen größer statt kleiner. Es gibt Schulen mit bis zu sieben Klassen pro Jahrgang.

Es geschieht das Gegenteil von dem, was passieren müsste: kleine Klassen, kleine Schuleinheiten und keine anonymen Zentren für Schülerverwaltung. Obwohl seit ein paar Jahren auch die Bausubstanz der Schulen saniert wird, bleibt bei vielen Schulen der Eindruck von liebloser Tristesse. Nachdem sich Hamburg eine eigene „Schuldenbremse“ auferlegt hat, sind weitere Kürzungen im Bildungsbereich todsicher. Trotz aller Hochglanzbroschüren und Festreden. Das wird weiter zum Verfall des staatlichen Bildungssystems führen und diejenigen, die es können, in die Arme der Privatschulen treiben. Nach dem Motto: der Rest ist uns egal.

Und was wird aus den IBA-Bildungshäusern? Vielleicht sind sie bald Schnäppchen für private Bildungsakteure, mit kostenpflichtigem Kursangebot? Vorbilder entstehen gerade in der „Neuen Mitte Wilhelmsburg“. Oder sie werden der Bildung ganz entzogen.

Diesen „Mut zur Lücke“ durften viele Wilhelmsburger Schulkinder gerade kennenlernen: Der Schwimmunterricht entfällt für fast ein Jahr, weil das alte Schwimmbad dem igs-Kanukanal weichen musste, bevor ein neues Bad gebaut ist (siehe auch AKU-Seite zur igs). Dass 2013 aus „Sicherheitsgründen“ nicht auf dem Kanal gepaddelt werden darf steht auf einem anderen Blatt. Das heißt, ein vorzeitiger Abriss des alten Schwimmbades wäre gar nicht nötig gewesen!

Die verbauten Millionen für die neuen Bildungshäuser wären dann gerechtfertigt gewesen, wenn gleichzeitig kräftig in die Bildungsinfrastruktur (in die Breite und nicht nur in die Höhe) investiert worden wäre. Eigentlich gehören Schule und Bildung zu Grundrechten für alle, eine räumlich und zeitlich begrenze Ausstellung kann das nicht leisten. Das ist eine Aufgabe der Bildungspolitik im Zusammenwirken aller Beteiligten.

So gesehen hat die IBA-Bildungsoffensive das Ziel verfehlt.