„Soziale Durchmischung“ eines „Problemviertels“

Zielsetzung die Zweite: Die IBA geht das Image Wilhelmsburgs an, das durch die Rede vom “Problemviertel” zerstört wurde. Dabei geht es zunächst nicht um Ausschlüsse und mangelnde Infrastruktur: Anstelle von Programmen gegen rassistische Wohnungsvergabe und für den Erhalt von bezahlbarem Wohnraum wird mit dem studentischen Wohnen eine vermeintlich „neue Zielgruppe“ subventioniert. Wer in einem Stadtviertel „Neues hinzu mischen“ will, muss jedoch erstmal Platz dafür schaffen. Wird dabei kein zusätzlicher Raum für „Neues“ erschlossen, bedeutet dies notwendigerweise Verdrängung. Dies wird besonders im begehrten Altbaubestand wie im nördlichen Reiherstiegviertel deutlich: nur in begrenztem Umfang zu Verfügung stehend, aber gerade bei den durch den Wilhelmsburg-Hype mobilisierten neuen Nachfragergruppen äußerst beliebt, können diese nur dort unterkommen, wo vorherige Mieter_innen die Wohnungen geräumt haben. Der Wegzug dieser ohnehin nicht erwünschten Teile der Bewohnerschaft ist mehr als nur ein kleiner Nebeneffekt. Die Rede von der „neuen erwünschten Bewohnerschaft“, nämlich einer imaginierten „deutschen Mittelschicht“ verschweigt die logische Konsequenz des Wegzuges der als „problematisch“ definierten Bewohner_innen – wohin auch immer.

Die versprochenen Jobs vermag die IBA dann auch vor allem an Stadtplanungsstudierende und die igs an Tourguides zu vergeben. In beiden Fällen muss in eine Ausbildung selbst investiert werden, die Jobs bleiben befristet und gering bezahlt (siehe auch AKU-Seite zur igs). Die Aufgabe der IBA ist es vielmehr, eine “neue soziale Durchmischung” anzustreben-. Bei der IBA heißt das Ganze dann “Kosmopolis”, also ein Programm, um der Migrationstatsache mit einer vereinnahmenden Rede von “bunter Vielfalt” zu begegnen (siehe AKU-Seite zu Kosmopolis). In den Umgestaltungsprozessen zeigt sich dann, wer durchsetzungsstark und -mächtig ist. Wer sich durchsetzt, darf bleiben und mit dem Zuzug neuer Bewohner_innen beglückt werden dürfen. Die neuen sollen höhere Bildungsabschlüsse und eine bestimmte normierte Form von Kreativität und Engagement an den Tag legen. Was passiert, wenn nach der Attraktivierung das Gebietes dem Markt überlassen wird, lässt sich auch schon aktuell im Reiherstiegviertel beobachten, wo Wohnungen marktgerecht für 10€/qm angeboten und vermietet werden.

Das es in Wilhelmsburg besonders gut gelänge, den „Sozialen Mix zu verbessern“ begründet der damalige Bürgermeister Ole von Beust zum Start der IBA im Jahr 2007 wie folgt: „Gerade Viertel, die als Problemviertel definiert werden, sind viel eher bereit, neue Herausforderungen anzunehmen. Manchmal ist es einfacher, in solchen Vierteln die  Begeisterung für Neues und für Veränderung zu wecken. […] Kämen wir auf die Idee zu sagen: Wir machen Blankenese völlig neu‘, würde das sicherlich ein bisschen schwieriger werden.“


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