Antwort und Einladung an Saskia Sassen

saskia sassen ibaUnser Offener Brief an Saskia Sassen, ihre Antwort und einige Reaktionen, die uns erreicht haben, haben deutlich gemacht, dass die Debatte um die sozialen Folgen der IBA in Wilhelmsburg, aber auch generell der Rolle von Stadtforschung innerhalb von Stadtentwicklungspolitiken kontrovers ist und bleibt. Auch wenn wir uns freuen würden, diese Debatte zukünftig nicht durch Offene Briefe weiterführen zu müssen, möchten wir noch auf einige angerissene Thematiken eingehen. Hier dokumentieren wir unsere Antwort:

Sehr geehrte Saskia Sassen,

vielen Dank für Ihre Antwort auf unseren Brief. Wir freuen uns natürlich, dass eine Diskussion entstanden ist, auch wenn wir sicherlich weiterhin an einigen Stellen unterschiedlicher Meinung sein werden. Um Diskussionen etwa über konkrete Zahlen in Zukunft nicht über offene Briefe führen zu müssen, laden wir Sie deshalb ein, mit uns eine andere Perspektive auf die Entwicklung in Hamburg-Wilhelmsburg kennen zu lernen, als sie ihre Gesprächspartner_innen bei IBA und SAGA GWG vermitteln können. Wir würden uns freuen, wenn wir bei Ihrem nächsten Aufenthalt in Hamburg zusammen mit dem Recht auf Stadt Netzwerk in einer Diskussionsveranstaltung darüber debattieren könnten, ob in Wilhelmsburg „Aufwertung ohne Verdrängung“ gelungen oder auch nur beabsichtigt gewesen ist.

In aller Kürze möchten wir einige Punkte aus Ihrer Antwort allerdings doch nicht unkommentiert lassen. Uns hat überrascht, dass Sie die Internationale Bauausstellung als Anstrengung verstanden haben, große Landstriche zu entgiften und ökologische Nachhaltigkeit herzustellen. Denn auch wir finden, dass gerade in Wilhelmsburg, das in großen Flächen mit den Altlasten der industriellen Besiedlung zu kämpfen hat, eine solche Anstrengung durchaus notwendig wäre. Uns würde aber schon interessieren, wo eine solche Anstrengung Ihrer Meinung nach stattgefunden hat. Aus unserer Sicht ist genau dieses Problem in Wilhelmsburg eben nicht bearbeitet worden. Im Gegenteil bleibt der Stadtteil auch nach der IBA ein Ort mit hochgiftigem Boden in zahlreichen Kanälen, Kleingärten und Wohngegenden. Dass stattdessen mit der Fällung von über 5000 Bäumen für die Herrichtung der Gelände von IBA und igs eher Entwicklungen stattgefunden haben, denen sicher nicht das Prädikat „nachhaltig“ zukommen sollte, bleibt dabei wohl eine Randnotiz.

In Bezug auf das Weltquartier haben wir die Diskussion zum Anlass genommen, uns die Zahlen der SAGA GWG, die auch Sie wie selbstverständlich erneut ohne Quellenangabe zitieren, noch einmal genauer vorzunehmen. Aus dem Vergleich von Mietverträgen, die vor der Sanierung abgeschlossen wurden und den aktuellen Wohnungsangeboten geht aus unserer Sicht hervor, dass diese Zahlen nicht zu halten sind. In einer Wohnung von gleicher Größe errechneten wir eine Mietsteigerung von fast 100 Euro. Allein die Kaltmiete stieg im vorliegenden Beispiel um 18%. Noch nicht einmal die in den Zahlen behauptete Kostensenkung durch die verringerten Heizkosten können wir bestätigen. Warum wir also trotzdem dabei bleiben, selbst das hochsubventionierte „Weltquartier“, das in der Mietendynamik sicher weniger drastisch ist als andere Gebiete in Wilhelmsburg, als Vernichtung von preiswertem Wohnraum im Bestand zu bezeichnen, haben wir auf unserem blog deutlich gemacht:

http://akuwilhelmsburg.blogsport.eu/2013-08-einige-anmerkungen-zum-weltquartier-sowie-zur-mietenentwicklung-in-wilhelmsburg/

Bei allem Dissens, den wir auch weiterhin aufrecht erhalten, hoffen wir auf eine Weiterführung der Diskussion. Auch, damit sich Entwicklungen wie in Wilhelmsburg nicht in vielen anderen Städten wiederholen.

Arbeitskreis Umstrukturierung Wilhelmsburg

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Dear Saskia Sassen,

thank you very much for your reply to our letter. We strongly welcome this incipient discussion even though disagreement on many issues will remain. For not having to discuss specific numbers in open letters, we would like to invite you to look at Wilhelmsburg from another angle together with us, an angle that your discussants at the IBA and SAGA/GWG will surely not be able to provide you with. We would greatly appreciate if during your next stay in Hamburg we were given the opportunity to discuss publicly with you and the network “Right to the City” whether or not an “upgrade without displacement” has or has not taken place or whether it had ever been intended in the first place.

However, in our brief reply we nevertheless would like to comment on a few issues. We were surprised to find out that in your understanding the IBA is an effort to decontaminate vast swathes of land and to establish ecological sustainability. Of course, we also share your concern that such an effort is absolutely necessary in Wilhelmsburg where vast swathes of land are contaminated by former industrial use leading to negative consequences for the local population. In our point of view, however, precisely this problem has not been tackled in Wilhelmsburg. On the contrary, even after the IBA will have officially closed Wilhelsmburg will remain a borough with highly contaminated soils along many canals, in allotments and housing areas. The cutting of more than 5000 trees which cleared the land needed for the IBA and the igs, an effort which surely cannot be considered a “sustainable measure”, will most likely remain a little noted side effect.

With regards to the „Global Neighbourhood“ we took another close look at the numbers provided by the SAGA/GWG, which, by the way, you quote without even naming the source. Comparing rental agreements signed before the refurbishment with flats currently on offer we hold that the numbers mentioned can no longer seriously be claimed as valid. We calculated a rent rise of nearly 100 Euro for a flat of the same size. The rent without any additional or side costs alone rose by 18% in the example given. It is impossible to even confirm the reduced heating costs which will supposedly lead to lower rents. On our blog we have outlined why we continue to stick to our original assessment that rents have substantially risen leading to a loss of cheap housing opportunities, even though that percentage may be lower in the highly subsidized “Global Neighbourhood”:

http://akuwilhelmsburg.blogsport.eu/2013-08-einige-anmerkungen-zum-weltquartier-sowie-zur-mietenentwicklung-in-wilhelmsburg/

Despite our discrepancies we hope the discussion we started will continue in the future thus enabling us to contribute to stop developments such as those in Wilhelmsburg and elsewhere.

Arbeitskreis Umstrukturierung Wilhelmsburg (Working Group on urban development Wilhelmsburg)

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Hier eine deutsche und englische .pdf-Version.

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