IBA unter Druck – Vorwärtsverteidigung oder: mit „Resilienz“ die soziale Frage lösen?

Zunächst ein kleiner Rückblick aufs Wochenende: Die tolle Arbeit der Kampagne IBA?NigsDA! im Vorfeld, die Demonstration am Samstag mit über 600 Leuten und der Aktionstag am Sonntag haben die IBA offensichtlich ins Schwimmen gebracht. War es in den letzten Jahren nicht leicht gewesen, gegen die geballte Medienarbeit, die animierten Zukunftsvisionen und Beschwörungen des Imagewandels anzukommen, so hat sich das medial vermittelte Bild von der IBA zwar nicht gedreht, aber zumindest einige unangenehme Flecken bekommen. Eine ausführliche Presseschau findet ihr ebenso wie eine Nachlese der Aktionen vom Wochenende auf der IBA?NigsDA!-Seite

Doch die IBA hat offensichtlich bereits mit diversen Strategien der Vorwärtsverteidigung darauf reagiert, dass nun nicht mehr nur die Hamburger Lokalpresse über Stadtentwicklung in Wilhelmsburg und auf der Veddel berichtet – in der Vergangenheit hatte sich vor allem das Hamburger Abendblatt nicht selten als zweite Pressestelle der Stadtentwicklungs-GmbH profiliert. Davon haben sich die PR-Strateg_innen wohl etwas zu lange einlullen lassen, denn was sie jetzt so vom Stapel lassen, finden wir doch einigermaßen ekelhaft:

Die neueste Stilblüte Uli Hellwegs, er wolle selbstverständlich nicht die Bewohner_innen Wilhelmsburg verdrängen, denn das „wäre ja auch unsinnig, dann würde man das Problem ja im Grunde nur verschieben“, passt perfekt zum neuen Leitthema, das die IBA offensichtlich als Antwort auf die Kritik an Mietsteigerungen und Verdrängung aus dem Hut gezaubert hat: „Resilienz“. Wieder so ein Begriff, der unglaublich klug und wichtig klingt, hinter dem sich aber die fast schon zynische Anrufung an die Bewohner_innen verbirgt, „innovativ“ mit Mietsteigerungen und Wohnraummangel umgehen zu lernen. Aber lest selbst – hier der gefundene Flyer (zum Lesen bitte draufklicken):

Am Tag der Offenen Tür am Sonntag verteilten IBA-Mitarbeiter_innen offenbar diesen Flyer, auf dem unter anderem das Eingeständnis zu lesen ist, dass der IBA-Effekt auf den Wohnungsmarkt unterschätzt wurde. Zugleich aber werden Lösungen verkündet, die – mit einem sozialwissenschaftlich „hippen“ Konzept geadelt – soziale Konflikte um Wohnen durch Stärkung der „Widerstandsfähigkeit“ (Resilienz) der Bewohner_innen bearbeiten sollen. Klingt ja toll, aber was sich dahinter verbirgt, ist bspw. folgendes: „Wir experimentieren: Mit neuen Wohnformen und fragen, wie viele Menschen sich eine Wohnung teilen können, um mit gesteigerten Mieten umzugehen.“

Uns fehlen die Worte, echt. Wir sind baff ob einer solch dreisten Unverschämtheit. Aber wir wundern uns auch nicht. Es läge eigentlich nahe, das ganze für einen Scherz zu halten – wenn da nicht diese allzu vertraute IBA-Denke so deutlich durchschimmern würde. Das ist offenbar die Art und Weise, wie IBA die soziale Frage bearbeitet: Individualisierend und entpolitisierend geht es um die „Anpassungsfähigkeit“ an die Lebensbedingungen in einer für viele immer unbewohnbareren, weil teuren und für die Bedürfnisse einer wohlhabenden bürgerlichen Mittelschicht aufgehübschten Stadt.

Mit politischen Mitteln wie Mietpreisbremsen, Entkoppelung des Wohnungsbaus von der Marktlogik und der nachhaltigen Investition in eine soziale Infrastruktur, mit der die Menschen, die mit sozialen Ausschlüssen zu kämpfen haben auch etwas anfangen können – damit kann die IBA wohl offensichtlich nichts anfangen. Jetzt geht es wohl auch darum, der IBA nicht die Diskurshoheit über die Bearbeitung sozialer Konflikte zu überlassen!

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