IBA-Bus durch Wilhelmsburg blockiert

IBA-Bus BlockadeAm 21.11.2012 wurde der „IBA-Bus“ der Presse präsentiert, indem er sie durch Wilhelmsburg fuhr. Der IBA-Bus soll im Ausstellungsjahr stündlich Tourist_innen durch den Stadtteil fahren. Eine Gruppe von Menschen blockierte die Straße, um gegen die Effekte der neoliberalen Stadtpolitik von IBA & Co. zu protestieren.

Die IBA (siehe AKU-Seite zur IBA-Kritik) scheint nur aus Höhepunkten zu bestehen. Dieses Mal war es mal wieder eine feierliche Eröffnung, bzw. die feierliche Ankündigung einer feierlichen Eröffnung. Und zwar für den „IBA-Bus“. Dabei handelt es sich nicht um eine Instrument des öffentlichen Personennahverkehrs, um das Problem der Bewohner_innen Wilhelmsburg mit dem stets an seine Kapazitätsgrenzen stoßenden 13er Bus zu lindern. Nein, natürlich geht es beim IBA-Bus genau wie bei den Barkassen zur igs um PR, um das öffentliche Präsentieren der Höhepunkte dieser Bauausstellung.

Ab dem 23. März 2013 wird der „IBA-Bus“ stündlich vom IBA-Dock aus starten und zahlenden Tourist_innen einen Einblick in das „quirlige Leben“ Wilhelmsburgs bieten. Sicher durch eine Glasscheibe getrennt von den Problemen des Lebens und wohltemperiert – aber trotzdem mitten drin. Hier noch schnell ein Foto von den spielenden Kindern auf dem Stübenplatz, da noch eins von den Tee trinkenden Menschen auf der Straße. „Oh, ist das alles multikulturell hier, Schatz!“

Die einstündige Fahrt vorbei an den IBA-Projekten reiht sich ein in die unzähligen Führungen von Besucher_innengruppen zu Fuß, per Fahrrad oder Barkasse, bei denen die Wilhemsburger_innen wie Tiere im Zoo vorgeführt wurden. Wie heutzutage üblich werden bei diesen Touren nicht nur die Bauwerke von IBA & igs (siehe AKU-Seite zur igs-Kritik) angepriesen, sondern die ganze Atmosphäre darum herum. In einem Werbespot wird beispielsweise kein Auto mehr beworben, sondern ein Lebensgefühl, welches per Kreditkarte oder Ratenzahlung erhältlich ist. Genauso wird die IBA nicht primär die architektonischen Missgriffe ihrer Projekte hervorheben, sondern vor allem das „multikulturelle“, „lebendige“, „geile“ Wilhelmsburg, welches die Zuhörer_innen mit der Unterschrift eines Miet- oder Kaufvertrags im Projektgebiet angeblich konsumieren können.

IBA Bus durch Wilhelmsburg blockiert

"Der IBA Blase die Luft raus lassen" - Blockade des IBA-Busses am 21.10.12

Heute waren jedoch erst ein Mal die Journalist_innen dran, die die Busfahrt exklusiv von Uli Hellweg geleitet erleben durften. Nach wenigen Minuten wurde die Tour unerwartet unterbrochen. Eine Gruppe von Menschen blockierte den Bus in der Neuhöfer Strasse und machten ihrem Unmut über die Propagandashow der IBA mit einem Transparent, „Der IBA Blase die Luft raus lassen“, sowie Flyern und verschiedenen Basteleien Luft. In dem an Journalist_innen und Passant_innen verteilten Flugblatt heisst es:

[…] Die IBA ist keine harmlose Bauausstellung, wie der Name vielleicht suggerriert. Die IBA ist ein Instrument einer neoliberalen Stadtentwicklungspolitik, welches darauf abzielt, Menschen ihrer Zahlungskräftigkeit nach einzuordnen in “anzusiedeln” oder “zu vertreiben”. Ein Teil dieser Politik ist die Attraktivierung Wilhelmsburgs für eine besserverdienende, weiß-deutsche Mittelschicht. Diese umworbene Zielgruppe soll für die richtige „soziale Mischung“ sorgen und den einstigen „Problemstadtteil“ stabilisieren. Ihre Normen, ihr Geld, ihr „Engagement“ sollen „Zivilität“ und ein „friedliches Miteinander“ fördern – gehen aber, entgegen der Äußerungen der IBA, mit gezielter Verdrängung einher.

Gerade in den Gründerzeitbeständen des Reiherstiegsviertels werden immer häufiger 10€/m² Netto/kalt verlangt. Durchschnittlich stiegen die Angebotsmieten zwischen 2006 und 2011 um 21 %! Dies ist keine “natürliche” Entwicklung der Mietsituation Hamburgs, sonderen stellt eine überdurchschnittliche Mietsteigerung dar und ist ein gewollter Effekt der IBA-Aufwertungspolitik.Wohnraum wird knapper und ökonomisch Schwächere müssen auf weiter entfernte und unattraktivere Wohngebiete ausweichen. So musste ein SAGA Vertreter auf eine Veranstaltung selbst zugeben, dass 80% der ehemaligen BewohnerInnen des “Weltquartiers” nach der Sanierung nicht mehr zurückkehren werden. Von der IBA wird das Projekt jedoch weiter als Erfolg gefeiert.

Gleichzeitig steigen die repressiven Maßnahmen im Stadtteil, um den neu Umworbenen ein stärkeres “Sicherheitsgefühl” zu garantieren. Genauso wie Obdachlose erst unter der Kerstin-Miles-Brücke, nun vom Hauptbahnhof und bald aus der Mönckeberg-Strasse vertrieben werden, um einer bestimmten, zahlungskräftigen Klientel den Anblick der Armut zu ersparen, so werden nun Menschen aus Wilhelmsburg vertrieben, die nicht in das Bild eines “hippen” und “sauberen” Stadtteils passen.

Die IBA hat nicht das Ziel, die komplexen Ursachen der so genannten “Probleme” anzugehen, sondern dem Stadtteil lediglich eine neues Image überzustülpen. Die Lebensverhältnisse derer, die ohnehin mit vielfältigen Diskriminierungen und Ausschlüssen zu kämpfen haben und sich mit miesen Jobs durchschlagen müssen, verschlechtern sich so weiter.

In “Beiteiligungsgremien” wird versucht die unterschiedlichen Interessen der in sehr unterschiedlichen Vierteln lebenden Menschen in Wilhemsburg gegeneinander auszuspielen. Das Ergebnis der “Entscheidungsfindung” steht  dabei längst schon fest. Die Gremien repäsentieren weder eine bandbreite der Wilhelmburger Bevölkerung, noch bieten sie Raum, IBA Projekte grundlegend zu kritisieren oder in Frage zu stellen. Um der Bevölkerung weiter eine Beteiligung vorzutäuschen, werden Pinnwände für “Wünsche” aufgestellt – die Auswertung der “Wunschzettel” erfolgte jedoch nie.

Die IBA ist ein Großevent und keine Form partizipativer Stadtteilarbeit!

Diese Realitäten der Aufwertung Wilhelmsburgs in Zeiten der IBA und igs greifen wir an. Wir haben keinen Bock darauf, uns in pseudo-demokratischen Beteiligungsshows vorgaukeln zu lassen, wir könnten über irgendetwas mitbestimmen. Wir haben keinen Bock mehr auf neoliberale Stadtpolitik. DIE STADT IST KEIN UNTERNEHMEN! Daher gilt für uns: IBA und igs die PR-Show vermiesen!

Die Insel denen, die drauf wohnen!
Eine Erklärung der “AG Imagepolitik selber machen”

Nachdem die Medienvertreter_innen und Mitarbeiter_innen der IBA ausgestiegen waren begab sich der Tross zum „Energiebunker“, vor dem Uli Hellweg seine Rede über „innovative“ und „zukunftsweisende“ was-auch-immer hielt. Die Aufmerksamkeit der Presse lag jedoch eher auf den pfeifenden Demonstrant_innen und dem Transparent, das während seiner Rede um den IBA-Geschäftsführer gewickelt wurde. Die Protestierenden, sich selbst als „AG Imagepolitik selber machen“ bezeichnend, brachten sogar eine eigene IBA-Stele mit, die der Presse ihre Sicht der Dinge darlegte.

IBA Stele gibt dem NDR ein Interview

IBA-Stele gibt Interview. Welcher Umgang mit den Medien ist sinnvoll?

Das Medienecho der Aktion hielt sich jedoch in Grenzen, was bei laut IBA immerhin 80 angereisten Vertreter_innen der Presse schon verwunderlich ist. In den meisten (vom AKU dokumentierten) Fällen wurde der IBA viel Platz eingeräumt, die Demonstrant_innen als „eine kleine Gruppe nicht von hier stammender“ Menschen darzustellen, die weder den „Rückhalt der Bevölkerung“ noch den der „Fakten“ besaßen. Ein Vertreter des Abendblattes schilderte in seinem Artikel die Situation unter anderem wie folgt:

Mit Transparenten („Der IBA die Luft rauslassen“) empfingen die Protestler die Medienvertreter und wollten auf drohende Mietsteigerungen durch die Bauausstellung hinweisen.

Abgesehen davon, dass er falsch zitiert, lässt sich an diesem Satz ein immer wieder auftretendes Phänomen der Presse im Umgang mit der Aufwertung Wilhelmsburgs finden: „drohende“ Mietsteigerungen. Die Mietsteigerungen durch den „Sprung über die Elbe“, dessen Erfüllungsgehilfin die IBA ist, sind nicht drohend, sie sind seit Jahren real (siehe AKU-Seite zu Mietsteigerungen), wie sich anhand öffentlich zugänglicher Quellen belegen lässt! Selbst die TAZ schrieb in ihrer Printausgabe über die Aktion:

Laut einem Flugblatt befürchten die Demonstranten Mietsteigerungen […]

Wie oben im Flugblatt nachgelesen werden kann, ist auch das schlicht falsch. Sie befürchteten keine Mietsteigerungen, sie belegten sie sogar. Diese auf den ersten Blick vielleicht harmlos klingenden Fehler in der Formulierung sind aber erstens nicht harmlos und zweitens keine versehentlichen Fehler. Sie werden von den bürgerlichen Medien zum Teil systematisch und bewusst genutzt. So liest es sich dann, als seien Mietsteigerungen eine „Meinung“ oder „Prophezeiung“, über die sich streiten lässt und nichts reales, für Menschen tatsächlich bedrohliches.

Daraus stellt sich die Frage, wie die mediale Übermacht von IBA & Co. angegangen werden kann, solange sich die herrschenden Verhältnisse nicht grundlegend ändern. Beziehungsweise was die Maxime unserer politischen Intervention sein kann und welche Form zu welchem Ergebnis führt…

Dieser Beitrag wurde unter IBA, Protest abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.