Aufschwung igs: Endlich ist er da!

Felix, das igs-Maskotchen...no comment!Lange hat es gedauert, aber nach einigem Zögern und Stottern ist der Beschäftigungsmotor igs 2013 doch noch angesprungen. Viele hatten schon nicht mehr geglaubt, dass sich die sagenhaften Versprechen für neue Arbeitsplätze jemals erfüllen: „2.200 Dauerarbeitsplätze, davon 1.400 in Wilhelmsburg, und 8.800 befristete Jobs“ hatte der damalige Umweltsenator Porschke im Januar 2001 im Bürgerhaus angekündigt. Gut, das war vielleicht etwas übertrieben. Also korrigierte die Behörde im Juli 2001 die Zahlen nach unten auf “ rund 3.500 temporäre und 2.100 dauerhafte Arbeitsplätze“. Aber immerhin.

In den folgenden 10 Jahren passierte dann erst mal … nichts.

Um dieses Nichts schließlich irgendwie doch noch zu füllen, gründeten Arbeitsagentur, Jobcenter und das BFW Vermittlungskontor GmbH dann im September 2011 in einem gemeinsamen Kraftakt die Vermittlungsagentur Wilhelmsburg. Ziel sollte sein, „Jobsuchende auf der Elbinsel zu fördern. Großprojekte wie die Internationale Gartenschau (igs) und die Bauausstellung (IBA) versprechen jede Menge Arbeitsplätze, wovon in erster Linie der Stadtteil profitieren soll“, erfuhren die LeserInnen des Elbe Wochenblatts im November 2011.

Es passierte erst einmal … nichts.

Dann plötzlich, im März 2012, begaben sich igs GmbH und Medien auf die Suche nach GästeführerInnen für das Gartenschaugelände während der Ausstellung 2013. Unter der Rubrik „Job in der Natur“ suchte auch das Hamburger Abendblatt mit, recherchierte die Story aber lieber nicht und endete so in völligem Blödsinn: „Die internationale garten schau 2013 bildet Natur- und Landschaftsführer und Tourbegleiter aus“. Den besser informierten Lokalblättchen war stattdessen zu entnehmen, dass die igs zwar tatsächlich FreiberuflerInnen als GästeführerInnen suchte,  eine wie auch immer geartete ‚Ausbildung‘ für diese Tätigkeit wurde allerdings nicht von igs angeboten, geschweige denn finanziert. Interessierte sollten vielmehr die Lehrgangs- und Prüfungsgebühren in Höhe von 450 bis 500 € selbst aufbringen – das ‚Angebot‘ der igs bestand darin, den neuen Selbstständigen so viel Arbeit zu garantieren, dass sie die ihnen entstandenen Kosten wieder rausbekommen. Also jede Menge Stress, Steuer- und Papierkram, bei dem laut igs-Werbeflyer mal gerade eine „Zu- und Nebenverdienstmöglichkeit“ abfällt. Eben nichts für Leute, die eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung suchen, von der sie leben können.

Also auch weiterhin: ein unendliches Nichts in Sachen Arbeitsplätze, abgesehen von eher peinlichen Spaßangeboten. So werden z. B. für die Tätigkeit „Maskottchen Felix“ schon seit längerem Leute gesucht, die albern verkleidet als Schildkröte rumlaufen und sich von Kindern boxen lassen müssen.

Selbstständige, Nebenverdienste und sonstiges Kaspertheater … ansonsten nichts.

Bis jetzt das Märchen von den Arbeitsplätzen doch noch wahr zu werden scheint, denn jetzt kommt sie: die richtige Arbeit!

In seiner Oktoberausgabe verbreitete der Wilhelmsburger Inselrundblick eine Einladung der Arbeitsagentur Harburg zu einer offenen Informationsveranstaltung im November 2012: „Wir suchen Sie! Beschäftigungsmöglichkeiten für Bewohner Wilhelmsburgs während der Gartenschauzeit.“ Und auch der Blick ins Internet auf die Jobbörse der Bundesagentur für Arbeit bestätigt es: Gesucht werden BeiköchInnen, Spülkräfte, Abräumkräfte, Leute für die Speisenausgabe, Personal für Theken, HelferInnen im Verkauf  – 200 offene Stellen! Gut, das sind nicht wirklich die sagenhaften 3.500 befristeten Jobs, und über die Legende von 8.800 temporären Arbeitsplätzen redet eh niemand mehr. Aber trotzdem: Supersache! Wenn…

Wenn nicht das kleine Kästchen „Konditionen des Stellenangebots“ angeklickt wird, denn dann öffnen sich die Arbeitszeiten und auch die verträumten Augen: 45 Wochenstunden, 6-Tage-Woche im Schichtbetrieb von 8 bis 19 Uhr, Mehrarbeit bei Sonderveranstaltungen. Ein richtiger Knochenjob also! Nur zur Bezahlung steht hier so gar nichts…

Die Bezahlung war leider auch nicht auf der eigens zu diesem Zweck aufgesuchten Informationsveranstaltung in der Arbeitsagentur Harburg zu klären. Hier wurden zwar die Arbeitszeiten noch etwas mehr entgarantiert: Beginn „zwischen 7 und 8 Uhr“, Ende „ca. 18 bis 20 Uhr“, die tägliche Arbeitszeit „kann auch mal 10 Stunden sein“, „an Regentagen auch nur 4 Stunden“, regelmäßige Wochenendarbeit usw. usf.  Die Antwort auf die Frage nach der Entlohnung blieb aber trotz mehrfacher Nachfrage bei einem lapidaren „tarifangelehnt“. Das kann ja alles heißen bei einem nicht tarifgebundenen Arbeitgeber. Und genau darum handelt es sich bei dem sächsischen Unternehmen Polster Catering, das jetzt zum xten Mal den Zuschlag für die Exklusivverköstigung von GartenschaubesucherInnen erhalten hat und die Massenspeisung übers das ganze Gelände verteilen wird: 3 Festzelte mit insgesamt 2.600 Sitzplätzen, zusätzlich Kioske, Imbisse, Eisstände, Getränkebuden… Polster Catering ist eben ein echter Profi und legt bei den erwarteten BesucherInnenzahlen auch lieber gleich 1 Mio. auf die schüchternen igs-Prognosen drauf.

Aber zurück zur Bezahlung: „tarifangelehnt“ also. Wie dehnbar dieser Begriff ist, mag ein Blick auf die Arbeitszeit verdeutlichen: Laut Manteltarifvertrag sind für die sog. Systemgastronomie (dazu gehören auch Cateringfirmen) 39 Wochenarbeitsstunden verteilt auf 5 Tage pro Woche vereinbart; zwar verstößt eine 45-Stunden-/6-Tage-Woche nicht gegen die gesetzlichen Bestimmungen, von „tarifangelehnt“ kann hier allerdings keine Rede mehr sein.

Aber selbst wenn wir die Tarifgehälter zugrunde legen würden, käme dabei kaum eine angemessene Entlohnung für diese anstrengende, stressige Arbeit heraus: Die hier angebotenen Jobs sind alle in den unteren Tarifgruppen verankert, denn verantwortungsvollere Tätigkeiten werden mit Stammpersonal besetzt („Küchenleiter bringen wir mit“) bzw. über die unternehmenseigene Internetseite gesucht (Koch/Köchin). Der bundesweit geltende Entgelttarifvertrags zwischen dem Bundesverband der Systemgastronomie e. V. und der Gewerkschaft Nahrung–Genuss–Gaststätten sieht für diese Tarifgruppen einen Stundenlohn zwischen 6,85 € und 7,88 € brutto vor; hieraus ergäbe sich für eine 45-Stunden-Woche ein Bruttomonatsverdienst von mickrigen 1.335 € bis 1.536 €. (Von Schicht-, Sonn- oder Feiertagszuschlägen ist wohl eher abzusehen, da die Bezahlung ja „tarifangelehnt“ ist.)

Hier haben wir sie nun also endlich, die richtige Arbeit: brutale Bedingungen, schlechte Bezahlung.

Davon allerdings genug, denn die Besetzung der 200 offenen Stellen gestaltet sich durchaus zögerlich. Glücklicherweise scheinen viele Menschen sich nicht freiwillig ausbeuten lassen zu wollen, denn zu der Informationsveranstaltung der Arbeitsagentur waren gerade mal 20 Arbeitssuchende erschienen. Mehrere von ihnen waren zur Teilnahme zwangsverpflichtet worden und daher eher an möglichen Sanktionen interessiert, die sie treffen könnten, wenn sie hier und heute keinen Arbeitsvertrag unterschreiben würden. Am Schluss der 20-minütigen Präsentation meldeten sich 7 Interessierte für ein anschließendes 10-minütiges Einzelgespräch mit möglichem Vertragsabschluss. Es ist allerdings zu bezweifeln, dass die interessierte Arbeitssuchende, die auf den Rollator gestützt zum Gespräch abschob, tatsächlich einen Vertrag als Kassiererin bekommen hat. Und auch der distinguiert wirkende ältere Herr mit den grauen Schläfen dürfte nicht den Vorstellungen des Arbeitsgebers von einer durchtrainierten Abräumkraft für Geschirrberge entsprochen haben.

Jobmotor igs? Wohl kaum in Bezug auf menschenwürdige Arbeit.

Bleibt noch ein letzter Punkt – die Frage nach dauerhaften Arbeitsplätzen. Diese musste einfach auf der Veranstaltung gestellt werden, schließlich hieß es im Einladungstext: „Die Arbeitsagentur unterstützt Sie bei der Entwicklung Ihrer beruflichen Perspektiven im Anschluss an die Beschäftigung bei der Internationalen Gartenschau.“ Von der Firma Polster Catering kam als Antwort darauf der vage Hinweis auf das Wasserwerk, das das Unternehmen ja im März 2012 übernommen hatte und auch nach 2013 weiter betreiben will. Auf die konkrete Nachfrage, wie viele der 200 „Saisonkräfte“ denn dort weiterbeschäftigt werden können, kam wieder einmal … nichts.

Aber Herr Wengst von der Arbeitsagentur, tschuldigung, vom Vermittlungskontor Wilhelmsburg, der griff die Frage am Schluss noch einmal sehr ernsthaft auf: es gäbe, so seine Auskunft, „Gespräche mit dem Hotel- und Gaststättenverband“, und es sei „daran gedacht, dass es für Mitarbeiter während der igs eine Anschlussbeschäftigung geben soll“. Na, das ist doch nett.

Und so gibt es sie ja vielleicht, die Fortsetzung des Märchens von den Arbeitsplätzen durch die igs …

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