„igs-Nachbarschaftskarte“ – das gab es noch nie!

Das als Festung daher kommende "hybrid-house", ein IBA-Projekt und bis Ende der igs deren GeschäftstelleDie Internationale Gartenschau 2013 verschickte am 12. Oktober 2012 einen Brief an „die Interessenvertreter/-innen der Wilhelmsburger“, nämlich an die Mitglieder des Berats für Stadtteilentwicklung Veddel. Darin lädt sie zu einer Pressekonferenz mit BSU-Senatorin Jutta Blankau ein, auf der die „Nachbarschaftskarte“ der igs gefeiert werden soll. Aber lest selbst.

Nein, so dreist war wohl noch keine Internationale Gartenschau (siehe auch AKU-Seite zur igs-Kritik). Da wird den Bewohner_innen eines Viertels über drei Jahre lang der Zugang zu einer 100 Hektar großen Grünfläche verwehrt, das Schwimmbad wird geschlossen, der Stadtpark eingezäunt, mehrere tausend Bäume werden für die Bauarbeiten gefällt – um nur einige Punkte zu nennen. Und nun verhöhnt die igs die Menschen hier im Viertel gleich doppelt. Für ihre scheinbare Geduld bei den Bauarbeiten bedankt sich die igs bei den „Bewohnerinnen und Bewohnern der Elbinseln“. Der Protest (um hier nur die  ein oder andere Aktion zu nennen) war also nicht „laut“ genug, oder woher nimmt Heiner Baumgarten die Vermutung, dass die Menschen hier „geduldig“ gewartet hätten? Und großzügig, wie sie nun ein Mal ist, darf nun jede_r Bewohner_in Wilhelmsburgs kostenlos auf die ehemals öffentlichen Flächen, die eigentlich schon immer kostenlos zu betreten waren. Ach nein, ganz am Ende steht ja noch die Einschränkung: „an drei Tagen ihrer Wahl“. Mensch, da freuen sich die Bewohner_innen Wilhemsburgs. Ganze drei Tage Zutritt für den ehemaligen Stadtpark in mehr als drei Jahren!

Ob die igs ihnen auch erlauben wird, dort z.B. zu grillen oder mit dem Hund zu spielen, so wie sie es immer gemacht haben? Ob auf dem Ausstellungsgelände einer Internationalen Gartenschau einfach entspannt auf einer Wiese gelegen werden kann, bzw. darf? Ob die Menschen in diesen perfekt durch organisierten, privatisierten und mit Überwachungskameras ausgestattetem Raum ihr Essen und Trinken auf einer beliebigen Wiese zu sich nehmen dürfen?

Wir werden sehen. Immerhin kommen die Menschen aus Wilhelmsburg so endlich mal in den Genuss eines guten Schallschutzes, was die Bahntrassen von Hamburg in Richtung Süden angeht. Schließlich wurde die wenige Meter hohe Blechwand, die die Bewohner_innen östlich der Trassen vom Lärm schützen soll nicht verbessert, als der 14 Meter hohe high-tech Schutzwall für die Besucher_innen der igs auf der Westseite der Schienen errichtet wurde.

Und wie ist an eine „Nachbarschaftskarte“ heran zu kommen? Na, ganz einfach! Zuerst muss mensch ins Wilhelmsburger Rathaus gehen und dort einen Bogen, der natürlich nur in deutscher Sprache erhältlich ist, ausfüllen. Mit diesem Dokument geht es dann ins igs-Zentrum, wo während den Geschäftszeiten unter Vorlage des Personalausweises der Antrag offiziell gestellt wird. Ab Februar 2013 können die personifizierten „Nachbarschaftskarten“ dann unter erneuter Vorlage eines Lichtbild-Ausweises im igs-Zentrum abgeholt werden.

Vielleicht finden sich 2013 ja einige Wilhelmsburger_innen zusammen, die mit der deutschen Bürokratie umzugehen wissen und ihre „Freikarte“ dazu nutzen, der igs zu zeigen, wie dankbar sie ihr für all ihr Engagement hier im Stadtteil sind.




8. Februar 2013 – Nachtrag: Das Gedächtnisprotokoll eines Gesprächs, welches am 6. Februar 2013 im igs-Zentrum zwischen einem Besucher und einer Frau am Empfangstresen zum Thema „Nachbarschaftskarte“ statt fand und an uns getragen wurde, wollen wir hier zur allgemeinen Unterhaltung unkommentiert veröffentlichen:

Die „igs-Nachbarschaftskarte“ wird von der igs als „Geschenk an die Anwohner“ verkauft und ermöglicht ihnen, an drei Tagen ihrer Wahl kostenlos auf das igs-Gelände zu gelangen. Dies ist allerdings nur oberflächlich eine nette Geste, schließlich sperrte die igs den Zugang zu einer vormals öffentlichen Grünfläche – einschließlich dem Wilhelmsburger Stadtpark – für Jahre ab. Und im Gegensatz zu all den bunten Hochglanzbroschüren, die IBA und igs nicht Müde werden in alle Briefkästen zu stecken, sind die Anmeldeformulare zur Nachbarschaftskarte nur im igs-Zentrum und im Rathaus zu finden und müssen persönlich abgeholt werden.

Dieser seltsamen und unbegründeten Tatsache wollte ein Anwohner Abhilfe schaffen, indem er einen Stapel Anmeldebögen mitnehmen und im Reiherstiegviertel auslegen wollte. „Das dürfen Sie nicht“, so die Frau am igs-Empfangstresen. Es sei nicht vorgesehen, dass die Formulare an anderen Orten lägen. Auf die Erwiderung, dass es doch letztlich egal sei, ob sich jemand ein Formular von dem Stapel im igs-Zentrum oder von einem Stapel an einem anderen Ort nehme, ging die Frau nicht ein. Es sei „Senatsbeschluss“ und da könne sie nun mal nichts machen. Da sich die Angestellte sichtlich angegriffen fühlte, versuchte der Besucher die Situation zu entspannen, indem er deutlich machte, dass er nicht sie sondern den Senatsbeschluss kritisiere.

Davon fühlte sie sich jedoch erst recht kritisiert. In einem aggressiven Tonfall machte die Frau darauf aufmerksam, dass „der Senat hier immerhin 70 Millionen Euro in Wilhelmsburg rein steckt“, was er nicht hätte machen müssen. Auf die so viel Enthusiasmus nicht erwartende und daher eher perplexe Antwort: „Ach, ist das so?“ kam ihr ihre Kollegin zu Hilfe und erklärte, warum „Sie als Wilhelmsburger“ doch etwas mehr Dankbarkeit und Verständnis zeigen sollten ob all der „Investitionen in Ihren Stadtteil“. Und dass die igs die Nachbarschaftskarte freiwillig – das betonte sie drei Mal – rausgeben würde und dies nicht machen müsse. Auf die Erwiderung, dass „die igs uns vor allem nicht unseren Park hätte einzäunen müssen“ eskalierte die Situation: dem Schreien nahe polterte die Frau, während sie mit ihrer Hand auf den Tresen schlug:

„Das ist nicht Ihr Park – der Park gehört der igs! Und die kann machen, was sie will!“

 

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