Dockville gerettet…

Jüngst meldete die Presse mit großer Erleichterung: Dockville ist für die nächsten 2 Jahre gerettet. Jubel überall? Nicht so ganz. Bei allem engagierten und vielseitigen Programm hat Dockville doch überhaupt nichts mit den Problemen und Kämpfen im Stadtteil zu tun – außer dass die geile location als Hintergrundkulisse dient.

Leser_innen diese Blogs wissen: Wilhelmsburg wird in staatlichem Auftrag aufgewertet; ein sozialer Verdrängungsprozess ist im vollen Gange. Gleichzeitig gibt es aber keine reale Verbesserung der Wohn- und Lebenssituation, wohnwertabträgliche Faktoren (z.B. Umweltbelastungen) werden nicht reduziert, im Gegenteil: Das öffentliche Grün wird abgeräumt und an Investoren verkauft. Die Aufwertung läuft virtuell. Das IMAGE des Stadtteils wurde durch die Arbeit der städtischen IBA-GmbH verbessert, mit der Folge, dass trendgeneigte oder andernorts verdrängte Menschen jetzt in Wilhelmsburg wohnen wollen, was wiederum der Wohnungsmarkt mit massiven Mietsteigerungen beantwortet (siehe auch AKU-Seiten zu IBA und igs). Die für diesen Prozess notwendigen Positiv-Images lassen sich kaum besser erzeugen als durch Zehntausende von begeisterten jungen Menschen, die vor einer atemberaubenden Hafenkulisse ein supersophisticatetes Kulturevent feiern. So fleht Dockville denn auch die Stadt an, als Parner für das Stadtmarketing anerkannt und belohnt zu werden.

Dockville erzeugt aber nicht nur nützliche Bilder.

Es geht auch noch um einen ganzen Reigen von „Problemlösungen“, die im Sinne des neoliberalen Zeitgeists dem Unternehmen Hamburg von Wert sind.
Vor einem (zeitlosen) Text von vor 2 Jahren hier noch drei vorangestellte, aktuelle Bemerkungen.

1. IBA-Partnerschaft
Dockville ist offiziell kein IBA-Partner und erhält auch keine Direktzahlungen der IBA mehr, so heißt es. Dennoch lässt sich IBA-Direktor Hellweg gern auf der Fläche ablichten, lobt das Projekt und lässt es positiv auf der IBA-site darstellen. Für Dockville und Stadt ist es egal, ob die Förderung von der IBA oder – wie jetzt – aus der Kulturbehörde kommt, nur kann Dockville jetzt das Prädikat IBA-frei tragen.

2. Warum ist Dockville genau da, wo es ist?
Das ehemalige Raffineriegelände ist eine hochbrisante Altlast, das seit seiner Zerbombung im 2. Weltkrieg ungenutzt ist. Wegen dieser Brisanz traute sich die flächenbegehrliche Hafenwirtschaft bislang nicht heran. Kurz: Für eine Hafennutzung ist dieser Ort zu giftig. Im letzten Jahr, als sich die Fläche regenbedingt in Schlamm verwandelte, wurde die Situation deutlich. Berichte über seltsame Gerüche aus dem Boden und die sich hinterher auflösenden Gummistiefel waren kein Zufall. Für die nun doch angestrebte Hafennutzung von Teilen der Fläche soll dort demnächst (auf Steuerkosten) saniert werden – für die Abfertigung von Touristen ist das offenbar nicht nötig. Wir lernen: Auch mit unsanierten Altlasten lässt sich Kohle machen, wenn ahnungsloses Partyvolk darauf feiert. Siehe z.B.: http://www.welt.de/regionales/hamburg/article108390238/Dockville-Festival-muss-sich-neuen-Standort-suchen.html
Die Unbedenklichkeitsbescheinigung soll übrigens vor Jahren das Bezirksamt Harburg erteilt haben, fachlich nicht zuständig und auch örtlich längst nicht mehr.

3. Umgang mit öffentlichem Grün
Eine weitere „Lösung“ eines neoliberal-städtischen Problems ist der wertschöpfende Umgang mit dem öffentlichen Grün. Das Vorhalten von öffentlichen Parks auf Staatskosten entspricht bekanntlich nicht mehr zeitgemäßer Ideologie. IBA und igs haben mit der Dockvillefläche eine zukunftsträchtige Vorzeigelösung gefunden – siehe dazu auf diesem blog: Erste öffentliche Grünanlage zur Abhaltung kommerzieller Großevents eingerichtet. Die Grünanlage am Reiherstiegknie ist zur Erwirtschaftung von Einnahmen geschaffen worden. Entsprechende Umwidmung dürfte dann auch die Perspektive für andere Parks sein; der Stadtpark wird bereits jetzt weitgehend als Konzert-Location betrieben – mit entsprechender Lärmbelästigung der umliegenden Bevölkerung.

Der folgende Text hat den Stand von 2010 – und ist dennoch aktuell.

Der 1. Teil weist auf Umwelt- und Naturschutzaspekte hin.
Der 2. Teil behandelt den (Positiv)Lärm.
Der 3. Teil widmet sich der Kinderarbeit.
Unter Nummer 4 dann noch ein Hinweis auf Parallelen zur Loveparade

1.
Umwelt und Natur dürfen Aufwertung nicht stören
Warum ist mitten im so flächenhungrigen Hamburger Hafen, am Reiherstiegknie – historisch Ruisort – so eine schöne Freifläche? Es ist eine Altlast.
So brisant, dass der begierige Hafen bislang die Finger davon ließ. Im 2. Weltkrieg wurden hier Raffinerien zerbombt. Später wurde Sand darübergeschüttet. Die Bildzeitung(!) berichtete vor Jahren über Dioxin. Jetzt buddeln Kinder darin, es wird gezeltet und gefeiert. Nichtwissen hilft beim Spaßhaben.

Und was ist da, wenn kein Festival stattfindet?
Trotz der Belastung existieren auf dem Areal gesetzlich geschützte Biotope. Es gibt nämlich nach geltender Rechtslage sozusagen automatische Naturschutzgebiete.
Weil das Ausweisen von herkömmlichen Naturschutzgebieten ein langwieriger Prozess ist, gibt es im Sinne der schützenswerten Lebewesen einen rechtswirksamen Sofortschutz: die gesetzlich geschützen Biotope, die allein aufgrund ihrer Existenz geschützt sind, also nicht vernichtet werden dürfen. Dazu gehören z.B. naturnahe Gewässer, Röhrichte oder Trockenrasen. Über Ausnahmen beim Schutz entscheidet die zuständige Umweltbehörde. Womit schon ein Problem auftaucht: Die wurde von der Baubehörde feindlich übernommen, heißt jetzt BSU (Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt), und das ehemalige Naturschutz-Amt wurde zur Abteilung degradiert. Die BSU ist übrigens auch damit beschäftigt, den „Sprung über die Elbe“ zu managen, für den sie sich als eigene, privatisierte Ausgründung die IBA-GmbH hält. Diese GmbH hat in der Vergangeheit Dockville gefördert, denn dieses Großevent ist gut für die Aufwertungspolitik, mit der Wilhelmsburg überzogen wird. Dockville erzeugt die gewünschten Positiv-Images. Da muss der Naturschutz mal ein wenig zurückstehen. Und tatsächlich: die gesetzlich geschützen Schilfröhrichte binnendeichs (da wo gezeltet wird), sind bis auf die Erdschürfe abgemäht, die geschützten Trockenrasenbereiche außendeichs (die eigentliche Veranstaltungsfläche) sind zerfahren oder es sind Zelte und Bühnen draufgebaut. Es war immer wieder kein Personal zur Überwachung der Auflagen vorhanden, schließlich ist auch in der Behörde neben Personalmangel auch noch Urlaubszeit, und Wochenendüberstunden sind nicht möglich. Und natürlich ist nicht zu erwarten, dass ein kleine Abteilung innerhalb der BSU durch besonders gesetzestreues Verhalten die Umsetzung der Politikziele des Senats erschwert…

Bei all dem hat Dockville ein gutes Gewissen: Sie wissen, dass die Biotope da ja sowieso alle wegkommen, weil entsprechende Planungen bestehen.

Allerdings macht es schon einen Unterschied, ob die geschützten Biotope schnell aus Versehen beseitigt werden oder ob sie noch vorhanden sind, wenn Port Authority, die BSU oder ein Investor dort umstrukturieren. Denn nur existente geschützte Biotope sind geschützt und müssen bei (genehmigter) Beseitigung ausgeglichen werden. Was weg ist, ist weg. Von einem fliegenden Eventhändler wird man keinen Ersatz für die Biotope fordern können, schließlich sind die Veranstaltungen ja genehmigt gewesen (wenn auch vielleicht im Detail etwas anders). In jedem Fall spart der Investor den Ausgleich für die geschützten Biotope, wenn andere sie zuvor beseitigt haben.
(Anm. 2012: Dockville war erfolgreich! Die neue Grünanlagenverordnung hat keinen Hinweis mehr auf die geschützten Biotope, sie wurden amtlich für nicht mehr existent erklärt; Entsprechendes wird für den zukünftigen Hafennutzungsbereich gelten.)

Ein Beispiel zur Verdeutlichung: Die Vernichtung der Trockenrasen-Flächen nördlich des Reiherstiegknies, südlich/bei der Neuhöfer Str., die vor etwa 1 Jahr von einer örtlichen Spedition bebaut wurden (da wo es bis vor kurzem auch einen Strandzugang gab), hat die Firma einen hohen 6-stelligen Betrag für den Ausgleich gekostet. Sie hat es ungeschickterweise versäumt, die Fläche zuvor dem Eventwesen zu unterwerfen.
Dockville dabei als nützliche Idioten zu bezeichnen – das mögen sie gar nicht – wäre nicht ganz korrekt: Bei Idioten wäre davon auszugehen, dass sie nicht wissen, was sie tun.

2.
Lärm
In Wilhelmsburg ist es zu laut zum Wohnen. Eine naheliegende Lösung für das Problem wäre eine Reduktion des Lärms. Das sieht auch die EU-Umgebungslärmrichtlinie vor.
Dummerweise ist genau das nicht ernsthaftes Politikziel in Hamburg (zuständig: unsere Aufwertungsbehörde BSU). Die stadtweite Lärmminderungsplanung nach EU-Richtlinie wurde durch Umherschieben der Zuständigkeit an die Wand gefahren. Und auch die IBA-GmbH hat nicht den Auftrag, die Lärmbelastung des Stadtteils zu reduzieren. Es sollen im Gegenteil neue, kreative Lösungen gefunden werden. Z.B. das Überdecken des störenden Lärms mit Positivlärm. Wer mit Partylärm zugedröhnt wird, wird sich an scheppernden Container-Lkws in den Wohnstraßen oder an den diversen beulenkloppenden Containerreparaturbetrieben kaum noch stören. Oder anders ausgedrückt: Wilhelmsburg ist Opfergebiet für den Lärm. Da es eh zu laut ist, kann alles andere, was Krach macht, auch noch hierher.
Dockville ist dabei Partymotor: Feierwillige Leute von andernorts lernen den Stadtteil als ideale Partylocation kennen und kommen wieder. Eventlärm wird zunehmend zur ortsüblichen Soundscape.

Immerhin hat die Bezirksverwaltung nach zahllosen AnwohnerInnenprotesten ein Lärmregularium entwickelt, worin festgelegt ist, wie oft im Jahr es bei Großevents bis wann wie laut sein darf. Eine gute Idee, besonders wegen der allgemeinen Gültigkeit und der Transparenz der Regelung. Gleich der 1. Anwendungsfall im letzten Jahr wäre Dockville gewesen. Die Veranstalter_innen waren aber nicht bereit, die Lärmbegrenzung zum Schutz der Bevölkerung zu akzeptieren und behaupteten, die ganze Veranstaltung absagen zu müssen, wenn sie zur Einhaltung gezwungen werden sollten. Wegen der hohen Bedeutung von Dockville für das Aufwertungsgeschehen und das Gelingen der IBA beschloss die Politik dann eilig Sonderlärmrechte für Dockville. CDU/GAL/SPD wollten sogar nochmals längere nächtliche Lärmzeiten gegenüber dem Vorjahr durchsetzen, was aber von der Bezirksverwaltung als rechtswidrig(!) zurückgewiesen wurde.
Das stark betroffene, weil nahegelegene Krankenhaus Groß Sand beschweigt den Lärm. Als IBA-Partner darf es sich vertragsgemäß nicht gegen die IBA äußern, die das Festival auf verschiedene Weise fördert.

Wer sich mehr für Lärm generell interessiert: errechnete Lärmkarten sind unter www.laerm.hamburg.de zu finden. Besonderer Tipp: Die Industrielärm (Nacht)-Karte ankucken, nach Wilhelmsburg reinzoomen und dabei wissen, dass es in reinen Wohngebieten nachts nur max. 30 dB(A) haben darf (in der Karte werden aber erst Werte ab 45 dB(A) dargestellt – und trotzdem ist die Insel schon sehr bunt).

3.
Kinderarbeit…
…ist in unserem Lande verboten.
Ladenketten bekommen Imageprobleme, wenn herauskommt, dass ihre Billigwaren von Kinderhänden produziert wurden; eine gewisse öffentliche Aufmerksamkeit ist gegenüber der Thematik vorhanden.
Wenn aber angeboten wird, dass Eltern für ihrer Kinder Arbeit nichts bezahlen müssen, kann aus der Kinderarbeit plötzlich ein herausragendes soziales Engagement werden. So viel Altruismus löst Dankbarkeit aus. Denn die Kinder sind in den Ferien sinnvoll entsorgt und machen spannende Dinge. Dabei bauen sie kostenlos die Staffagen fürs Festival. Und wenn auch noch etwas angeboten wird, das für die Veranstalter_innen nicht direkt verwertbar ist, damit das Ganze nicht so fadenscheinig wird, so ist es doch wenigstens geschickte frühzeitige Kundenbindung.
Dockville versucht das in diesem Jahr kaum zu verstecken: „Kunst, Musik, Kultur – all diese Säulen des Festivals führen wir jährlich im Rahmen der Kinderferienfreizeit LÜTTVILLE auf einer soziokulturellen Ebene zusammen und bieten über 120 Kindern aus dem Stadtteil Hamburg-Wilhelmsburg kostenfrei an, an dem Entstehungsprozess des Festivals teilzuhaben; so auch in diesem Jahr vom 2. bis zum 7. August. Gemeinsam mit Wilhelmsburger Bildungseinrichtungen (…) werden unterschiedliche Kreativworkshops angeboten, an denen die Kinder Werke für das Dockville Festival erschaffen“… (zit. nach http://wohininhamburg.wordpress.com)

4.
Ein Vergleich mit den Geschehnissen bei der Loveparade in Diusburg
Zumindest 2 Parallelen gibt es bei Dockville:
Zum einen gibt es Veranstalter_innen, die die Verwaltung unter Druck setzen, um eine maximale Genehmigung ohne lästige Auflagen zu erreichen.
Diese stoßen dann zum anderen auf Politik und (tlw.) Verwaltung, die für das globale Standortmarketing ihrer Metropole bedenkenlos alles zu genehmigen bereit sind, solange es nur möglichst Rekorde bricht ist und positive Werbeimages erzeugt.
Dies ist allerdings eine Allianz, die für Beteiligte wie Unbeteiligte durchaus dramatische Folgen haben kann.

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