Irgendwo zwischen PR-Werbegag und Forschung: Das Strukturmonitoring der IBA Hamburg

Zum zweiten Mal veröffentlicht die IBA Hamburg ein „Strukturmonitoring“ – einen Bericht, der den Anspruch hat, die Umstrukturierungen in Wilhelmsburg zu evaluieren. Die Effekte der mit dem Instrumentarium der Internationalen Bauausstellung hervorgebrachten Stadtentwicklung werden untersucht und an ihren selbst gesteckten Zielen gemessen, untermalt von massenweise Tabellen und Grafiken. Obwohl sich das Monitoring in einem Graubereich zwischen PR-Maßnahme und Wissenschaft bewegt, ist es in mancher Hinsicht ein interessantes Dokument: Neben einer detaillierten Auswertung der Daten des Statistikamtes Nord liefert es eigene Zahlen zur Entwicklung des Stadtteils. Zusätzlich sagen die formulierten Ziele und abgeleiteten Forschungsfragen viel über die programmatischen Intentionen der IBA aus. Neben den interessanten Details, die sich dem Dokument (mit ein wenig Anstrengung) entnehmen lassen, zeichnet es sich durch eine bis an die Peinlichkeitsgrenze reichende Beschreibung der Ergebnisse aus, die offenbar darauf setzt, dass nur die Erfolg verkündenden Überschriften und nicht die dahinter stehenden Entwicklungen interessieren. Nach einem kurzen Rückblick zum Strukturmonitoring 2010 wenden wir uns dem aktuellen Papier zu, nehmen uns einige Daten daraus vor und setzen der dargebotenen Interpretation unsere eigene entgegen.

Geschichtliches: Das Strukturmonitoring 2010 – In Wilhelmsburg explodieren die Mieten

Im letzten Jahr sorgte die Veröffentlichung des Strukturmonitorings aus verschiedenen Gründen für Wirbel. Neben methodischen Kritiken an der Untersuchung (wer wurde von wem befragt?; wer sind eigentlich Expert_innen?; manipulative und beschönigende Auswertung) sorgte vor allem die Feststellung des „Monitoring“ für Aufsehen, dass die Angebotsmieten im Stadtteil um 21% in vier Jahren gestiegen waren. Damit zeichnete sich in der Tat eine dramatische Entwicklung ab, die von den AutorInnen der Auftragsarbeit allerdings stark beschönigt wurde (siehe auch AKU-Seite zu Mieten & Wohnen). So wurde nicht das mit einer weitaus geringeren (aber dennoch angesichts der Einkommensentwicklung noch immer skandalös hohen) Mietsteigerung konfrontierte Billstedt als Vergleichsbeispiel angegeben, sondern ausgerechnet St. Pauli, wo die Entwicklung mit einer rekordverdächtigen Preissteigerung von 26 Prozent noch dramatischer sei. Aber selbst der Befund, dass sich die Mieten in Wilhelmsburg „nur“ fast so drastisch wie in der Innenstadt entwickeln, unterstrich die dramatischen Folgen einer Stadtentwicklungspolitik, wie sie in Wilhelmsburg durchgeführt wird. Auch Dokumenten, die den PR-Interessen der auftraggebenden Institution entsprechen sollen, sind Daten zu entnehmen, die – vielleicht auch als „IBA-Effekte“ – etwas über Entwicklungen im Stadtteil aussagen. Mit Erscheinen des neuen Strukturmonitorings geht es also darum, auch in diesem Dokument nach ähnlichen Daten zu suchen.

Strukturmonitoring 2011 – „IBA-Ziele“ und Wege, sie zu erreichen:

Wenn ein Stadtteil zu einem „kreativen Quartier“ entwickelt werden soll und „Impulse für einen positiven strukturellen Wandel“ gesetzt werden sollen, wäre es interessant, die formulierten Ziele einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Im in der Studie eingangs vorgestellten „Zielbaum der IBA Hamburg“ finden sich Schlagworte, die allerdings eher weitere Fragen aufwerfen und großen Raum für Interpretation lassen: So enthält bereits das Ziel „Aufwertung ohne Verdrängung“ zwei Fragestellungen, die im Strukturmonitoring nicht bearbeitet werden: Was wird eigentlich von wem genau unter „Aufwertung“ verstanden? Und wie wäre „Verdrängung“ andererseits mess- und diskutierbar? Auch wie sich „Urbanität“ und „Stadtverträglichkeit“ messen lassen, fragen sich interessierte Leser_innen vergebens. Die „Bildungsoffensive“ hingegen ist kein Ziel, sondern ein Teil des Programms. Welche Fragestellungen und Zielvorstellungen in den Datenanalysen aus dem „Gebiet der IBA Hamburg“, Telefon- und Passant_innenbefragungen und „Expertengesprächen“ zu Grunde gelegt werden, ist nicht klar ersichtlich, klärt sich aber im Einzelfall schnell. Exemplarisch haben wir uns die Bereiche Bevölkerungsentwicklung, Entwicklung des Wohnungsmarktes sowie der Frage, wer denn in der Studie als „Expert_innen“ geführt wird, herausgepickt.

„Bevölkerung“ in Wilhelmsburg – Was „soziale Mischung“ im Sinne der IBA bedeutet

Ein Ergebnis der Untersuchung ist: Es ziehen kontinuierlich mehr Menschen nach Wilhelmsburg als aus Wilhelmsburg wegziehen, was mit einem Geburtenüberschuss und an dem Zuzug jüngerer Menschen zu erklären sei. Junge Menschen ziehen besonders stark in das westliche Wilhelmsburg. Eine Verbindung zu subventioniertem studentischem Wohnraum, wie er in großem Stil durch die SAGA genau dort angeboten wurde, wird in der Interpretation nicht gezogen. Ob der Zuzug also weiterhin stabil bleibt, wenn das entsprechende Programm verschwindet und die „jüngeren Menschen“ in der Tendenz die steil ansteigenden Mieten aufbringen müssen, kann deshalb auch nicht gefragt werden. Zwischen den Zeilen tauchen hier aber handlungsleitende Ziele der IBA auf, die nicht in den genannten Zielen enthalten sind, aber im Monitoring tatsächlich evaluiert werden: Neue Bevölkerungsgruppen sollen nach Wilhelmsburg ziehen. Welche das sein sollen, wird im nächsten Punkt deutlich, in dem eine „positive Veränderung“ der Sozialstruktur benannt wird, die durch den Rückgang des Anteils an Alg II-Bedarfsgemeinschaften charakterisiert ist. Aber dieser „Rückgang“ kann viele verschiedene Gründe haben. Er kann auch auf Verdrängungsprozesse, Mietsteigerungen, die es Menschen mit weniger Geld unmöglich machen in bestimmten Gebieten zu leben oder eine restriktiv-abschreckende Politik der Ämter, die zur Verdrängung von Menschen mit Ansprüchen auf ALG II aus dem Bezug führt, zurückzuführen sein. „Übersehen“ wird hier zudem auch, dass ein zunehmend großer (aber nicht quantifizierbarer) Teil der arbeitenden Armen in Wilhelmsburg mittlerweile sicherlich nicht mehr in der Bevölkerungsstatistik auftaucht und außerdem ohnehin keine Ansprüche auf Sozialleistungen erwerben kann, wie jede_r, der oder die mit offenen Augen durch das Stadtteil geht, sehen kann. Hier eine „positive Veränderung“ zu konstatieren, ist, falls nicht einfach gemeint ist, dass gut ist, dass die Armen im Stadtteil keine Ansprüche mehr stellen und möglichst nach getaner Niedriglohnarbeit im Hafen wieder verschwinden, vielleicht mangelnden Lokalkenntnissen geschuldet, vielleicht aber auch einfach nur Ausdruck eines Zynismus.
Die Studie bestärkt an dieser Stelle unsere Einschätzung, dass die dem Gusto der IBA entsprechende „Aufbesserung“ der Sozialstruktur durch Zuzüge bzw. – vor allem im Reiherstiegviertel – durch einen Bevölkerungsaustausch erreicht werden soll. Für Menschen mit weniger Einkommen bedeutet das eine Verschärfung ihrer Lebensbedingungen, auch ihr Wegzug ist in dieser Perspektive ein „Erfolg“. Das im Bericht zitierte IBA-Ziel einer „Aufwertung ohne Verdrängung“ müsste nun eigentlich genau an dieser Stelle evaluiert werden – wird es aber nicht.
Um den genaueren Daten auf die Spur zu kommen, gilt es zudem auch hier, nicht nur die Überschriften zu lesen, da diese den empirischen Resultaten der Studie häufig widersprechen. So findet sich unter der Überschrift „Zuzug aus nördlichen Hamburger Stadtteilen nimmt zu“ ein Satz, in dem der ausbleibende Zuzug aus dem Hamburger Stadtgebiet und sogar dessen Rückgang beschrieben wird. Auch aus der schönen Grafik aus dicken und dünnen Pfeilen, Zahlen und konzentrischen Kreisen wird ersichtlich, dass eindeutig mehr Menschen aus Wilhelmsburg in andere Hamburger Stadtteile gezogen sind als andersherum – es besteht also weiterhin ein „negativer Wanderungssaldo“ mit der Gesamtstadt Hamburg. Lediglich sind etwa 120 Menschen mehr aus dem Hamburger Norden hergezogen als im letzten Jahr. Hier wird deutlich: Nicht nur auf die Zahlen, sondern auf die Interpretation und Darstellung kommt es an. Außerdem fragt sich, ob die Überschriften der Studie von der PR-Abteilung der IBA diktiert wurden, und ob diese Abteilung, falls dem so ist, die Studie überhaupt gelesen hat.
Ein weiteres Beispiel für eine derartige „Umschreibungstechnik“, die im Übrigen das gesamte Dokument durchzieht, ist die Darstellung der Zusammensetzung (Nationalität, „Migrationshintergrund“) der Teilnehmer_innen an den qualitativen Haushaltsbefragungen: Anstatt klar zu benennen, dass der Anteil der Befragten mit deutscher Staatsbürgerschaft (77 Prozent, wie dem Anhang zu entnehmen ist) im Vergleich zu dem Anteil dieser Gruppe an den BewohnerInnen Wilhelmsburgs mehr als deutlich überrepräsentiert ist – und eventuell auch zu erklären, warum das so ist – findet sich folgender Satz: „Der Anteil der Befragten mit nicht deutscher Staatsbürgerschaft liegt um vier Prozentpunkte über der aus dem Jahr 2010“. Chapeau!

Wilhelmsburger Wohnungsmarkt: Auslaufende Bindungen, Mietsteigerungen und unzufriedene Mieter_innen

Die Entwicklung des Wohnungsmarktes ist ein heiß diskutiertes Thema, gerade im letzten Jahr beschrieb das Strukturmonitoring faktisch auch für Wilhelmsburg eine dramatische Entwicklung der Angebotsmieten (und versah diese Entwicklung mit derart schönfärberischen Kommentaren, dass selbst eingefleischte Freund_innen der „Aufwertung“ und des „Bevölkerungsmix“ an der Seriosität des Vorhabens zu zweifeln begannen). Auf diese Entwicklung wird auch in dem vorliegenden Papier weiterhin verwiesen, allerdings bewegten sich die Preisentwicklungen diesmal „nur“ im hässlichen Hamburger Durchschnitt. Im Vergleichsstadtteil Billstedt, der mit „klassischen Städtebauförderinstrumenten“ entwickelt werde, stieg die Miete jedoch nur um 14% im Vergleich zu 21% in Wilhelmsburg. Wenn „klassische“ Stadtentwicklungspolitik (was das auch immer genau sein soll) wie eine Mietpreisbremse funktioniert, dann würden wir sie fast schon wieder gut finden.
Als Garant für preiswerte Mieten wird in Wilhelmsburg der hohe Anteil von sozial gebundenem Wohnraum verhandelt. Im letzten Jahr sind jedoch 5,5 Prozent der Wohnungen aus der Bindung entlassen worden. Auch in den kommenden Jahren werden immer mehr Wohnungen an den freien Wohnungsmarkt übergeben. Damit eröffnet sich die Möglichkeit einer ganz anderen Mietdynamik. Während ominöse Expert_innen in der Studie konstatieren, dass in absehbarer Zeit nicht mit Verdrängungsprozessen zu rechnen sei, scheinen das die befragten Bewohner_innen anders zu sehen. Der Anteil derjenigen, die ihren Mietpreis als zu hoch empfinden, steigt im Vergleich zum Vorjahr um sieben Prozent. Während diese Steigerung nicht durch den Mietpreis, sondern durch eine mediale Thematisierung steigender Mieten erklärt wird, scheinen die zitierten Expert_innen solchen Einflüssen nicht ausgesetzt zu sein. Alltägliche PR-Maßnahmen und Medienpräsenzen von IBA und Co., die vollkommen empirie- und datenfrei eine „Aufwertung ohne Verdrängung“ konstatieren, haben demnach also keinen Einfluss auf diese Expert_innen, die unter Umständen an den Programmen auch noch partizipieren.

Aber wer sind denn eigentlich diese Expert_innen?

Nachdem sich in den Beschreibungen schon gezeigt hat, aus welcher Perspektive geforscht wird, wird dies an der Verwendung der Expert_innengespräche noch einmal deutlich. Zu verschiedenen Themen kommen „lokal befragte Expert_innen“ zu Wort, die ihre Sicht auf den Stadtteil zum Besten geben. Während bei den Befragungen per Telefon oder auf öffentlichen Plätzen im Stadtteil im dazugehörigen Tabellenband detailliert darauf eingegangen wird, wer befragt wurde, bleibt diese Festlegung bei den „Expert_innen“ aus. Wir erfahren, dass acht Personen interviewt wurden, die „kulturellen Einrichtungen, Interessengemeinschaften, Wohnungsunternehmen, Behörden und Architekturbüros“ entstammen. Diesen – nicht weiter zugeordneten – Expert_innen wird viel Raum gegeben, etwa wenn es darum geht, Ergebnisse aus den anderen Interviews für weniger wichtig zu erklären. Hier verdeutlicht sich – erstaunlich offen – dass bereits im Auftrag der Studie die zu verkündende Botschaft klar war. Wenn die Ergebnisse nicht in das Bild passen, werden sie via Expert_innenwissen delegitimiert. Eine Benennung der jeweiligen Institutionen wäre aber das Minimum, um mit den Aussagen solcher sogenannter Expert_innen überhaupt seriös zu arbeiten. Man könnte darüber hinaus auch nach Interessenlagen und der Unabhängigkeit dieser Äußerungen fragen. Wir vom Arbeitskreis Umstrukturierung bieten gerne an, mindestens doppelt so viele Wilhelmsburger Expert_innen zu finden, die das genaue Gegenteil von dem erzählen, was die VertreterInnen von Behörden und Architekturbüros usw. über den Stadtteil so meinen.

Fazit oder für was ist diese Untersuchung zu gebrauchen?

Mit dem Strukturmonitoring liegt ein Dokument vor, das sehr deutlich macht, wie in der Stadtentwicklung auf ein bestimmtes Gebiet geschaut wird. Es geht darum, „Probleme“ dieses Gebietes zu bearbeiten, die sehr häufig andere sind als die der dort wohnenden Menschen. Stattdessen werden andere Menschen gebraucht, um einen „strukturellen Wandel“ zu erreichen: Lieber aus Ottensen als aus Harburg, und bitte keinesfalls Arge-Klientel. Methodisch wird selten klarer, wie fließend die Grenzen zwischen PR und Wissenschaft sind. Diese Marktforschung für die Umstrukturierung arbeitet unter Hochdruck daran, dass das, was sie herausfindet, ihr möglichst nicht zu entnehmen ist. Trotz all dieser Schwächen enthält das Strukturmonitoring interessante Daten („IBA-Effekte“?), die den Charakter der Umstrukturierungen im „Sprung über die Elbe“ deutlich machen. Leicht verräumt unter allerlei Beiwerk liegt dieses Werkzeug – und wir sollten es benutzen…

Dieser Beitrag wurde unter IBA, Stadtentwicklungspolitik, wohnen abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.