Hamburgs Stadtentwicklung – eine Vision die nicht ans Ziel gelangt

Was geschieht mit der Demokratie, wenn ein Unternehmen immer mehr Einfluss auf die Stadtentwicklung bekommt? Die Kulturredakteurin und Forscherin Catharina Thörn schreibt über den Stadtteil Wilhelmsburg in Hamburg, welcher von den Regierenden zu einem Musterbeispiel der Stadtentwicklung gemacht werden soll. Aber davon sind nicht alle gleichermaßen überzeugt.

„Das Problem mit der IBA“ sagt Peter Birke, „ist, dass es in erster Linie um Stadtvermarktung und nicht um Stadtentwicklung geht“. Wir sitzen auf seinem Balkon in Wilhelmsburg und blicken über die Umgebung. Im Haus nebenan realisiert die IBA eines ihrer Projekte. Peter Birke ist Historiker und aktiv im Recht auf Stadt Bündnis. Seit vielen Jahren lebt er in Wilhelmsburg, ein Stadtteil, welcher auf einer Insel zwischen der Norder- und der Süderelbe liegt, und hat so die Veränderungen beobachtet. Er ist auch in einer lokalen Bürgerinitiative engagiert, um Einfluss auf die Stadtentwicklung zu nehmen.

IBA ist die Abkürzung für Internationale Bauausstellung. Solche Ausstellungen haben in Deutschland seit 1901 stattgefunden, sie sind ein Weg, Stadtentwicklung zu initiieren. In Hamburg wird seit den 90er Jahren darüber diskutiert, wie Wilhelmsburg in den Rest der Stadt integriert werden kann. Die Insel ist, genau wie Hisingen, ein Ort, wo die Industrie angesiedelt wurde und dessen Bewohner in erster Linie Teil der eingewanderten Arbeiterklasse sind. Hier gab es Zugang zu billigem Wohnraum und einen Raum, von wo aus die Menschen ihren Platz in der Stadt finden konnten.
Zu Beginn der 00er-Jahre formulierte die Kommune eine Strategie, genannt „Sprung über die Elbe“, und 2003 wurde ein internationaler Workshop durchgeführt, welcher zum Ziel hatte, Zukunftsbilder für Wilhelmsburg zu entwickeln. Um die Entwicklung zusammenzuführen, gründete die Kommune 2006 das kommunale Unternehmen IBA, welches den Auftrag hat, über einen Zeitraum von sieben Jahren unterschiedliche Projekte zu initiieren, die in einer internationalen Bauausstellung 2013 resultieren sollen. Ich treffe einen ihrer Sprecher, Tobias Holtz, in dem Informationsbüro IBA Dock, welches am Hafen auf einem Ponton im Wasser liegt. Über drei Stockwerke kann man sich dort über ihre Projekte, Publikationen und Werbebroschüren informieren. Mitten im Gebäude gibt es ein großes Modell der Insel und unten am Wasser kann man eine Tasse Kaffee kaufen und sich in einem Sonnenstuhl in den IBA-Farben blau und weiß, niederlassen.
Die Informationsplakate haben alle dasselbe Design und dieselbe Farbe. Auf drei Sprachen, Deutsch, Englisch und Türkisch, wird man über die verschiedenen Bürgerdialoge und die Ambitionen nachhaltiger Stadtentwicklung informiert. Alles ist sehr ästhetisch und hübsch gelayoutet. Die dicken Bücher, die man ausleihen kann, wenn man sich einen Kaffee kauft, sind umfangreich und ambitioniert. Als wir an dem Modell stehen, sagt Tobias Holtz, dass eine der größten Herausforderungen für die IBA ist, das Bild von Wilhelmsburg zu verändern. „Heute“, sagt er „hat Wilhelmsburg einen schlechten Ruf“. Die IBA hat daher unterschiedliche Kunstprojekte engagiert, um ein attraktiveres Bild des Stadtteils zu schaffen. Und obwohl die IBA einen zeitlich begrenzten Auftrag hat, welcher mit der Bauausstellung 2013 endet, so ist ihr Anspruch dennoch, die Grundlage für eine nachhaltige Stadtentwicklung zu schaffen.
Das ganze Projekt drehe sich darum, den Bewohnern Wilhelmsburgs etwas Gutes zu tun. Als ein Beispiel dafür beschreibt er das Projekt „Weltquartier“. Hier wurden Gebäude in Zusammenarbeit mit den Bewohnern umgebaut, dabei sind energiesmarte Häuser entstanden. Studenten halfen, an die Türen zu klopfen, um mit allen im Quartier zu sprechen. Die Umgestaltung erfolgte dann entsprechend der Wünsche der Anwohner_innen. Ich frage, was die IBA von traditionellen Formen der Stadtentwicklung unterscheidet. Der große Unterschied sei der Anspruch, meint Tobias Holtz. Das Projekt der IBA handele davon, Wilhelmsburg auf die Landkarte zu setzen, nicht nur lokal, sondern auch international. Es gehe auch darum, neue Arbeitsmethoden und -modelle zu testen, die dann wiederum weltweit an andere Städte vertrieben werden können. Das „Weltquartier“ sei ein gutes Beispiel dafür, auch wenn Holtz selber der Meinung ist, das eigentliche Dialogmodell sei etwas sehr kosten- und zeitintensiv.
Am Tag darauf treffe ich eine lokale Gruppe, die sich Arbeitsgruppe Wohnen Wilhelmsburg nennt. Es ist Samstag und sie wollen auf dem lokalen Markt Unterschriften sammeln, um gegen die Stadtentwicklungsmethoden der IBA zu protestieren. Die Gruppe besteht unter anderem aus dem Mieterverein, der Kirche und einer Hilfsorganisation für Migrantinnen. Sie haben eine Liste mit Forderungen, unter anderem nach transparenteren Entscheidungsprozessen, Bekämpfung der Diskriminierung bei der Wohnungsvergabe, verbesserten Lebensbedingungen für die Menschen in Wilhelmsburg und einem Stopp der Mietsteigerungen, welche in den letzten Jahren bei 21 % lagen.
Ich frage nach dem Weltquartier und dem Bürgerdialog, der dort stattgefunden haben soll. Christian Gatermann, der in der Gruppe aktiv ist und in dem Quartier wohnt, schüttelt den Kopf: „Niemand hat mit mir gesprochen und obwohl an dem Haus nichts gemacht wurde, ist meine Miete gestiegen.“ Dass das Viertel nun ein Umweltprofil besitzt und in die internationale Vermarktungsstrategie der IBA eingeht, hat zur Folge, dass auch die von dem Projekt unberührten Häuser als attraktiver angesehen werden.
Das Problem mit der IBA sei, so die Gruppe, dass deren Rede von sozialen Fragen und Demokratie nur eine Farce sei. Und unzweifelhaft ist der gesamte Auftrag der IBA von einem Paradox gekennzeichnet: Genau wie Tobias Holtz deutlich gemacht hat, geht es bei der IBA nicht um gewöhnliche Stadtentwicklung und Bürgerdialoge. Der Hauptauftrag liegt darin, eine Bauausstellung zu konzipieren, wo international herausragende Beispiele für Stadtentwicklung vermarktet werden sollen. Dafür müssen die Projekte bereits vor Projektende innovativ und erfolgreich sein. Dieses Spezifikum im Auftrag macht, dass der „Dialog“ mit den Bürgern begrenzt ist und seine Ergebnisse im voraus festgelegt sind. Und der Dialog, der stattfindet, wird verpackt und patentiert, um in andere Städte exportiert zu werden.
Es sind nicht nur lokale Gruppen, die auf die Strategien der IBA reagiert haben. Im April 2010 veröffentlichte die italienische Künstlergruppe „Museo aero solar“ einen offenen Brief an die IBA: Wie viele andere Künstlergruppen waren sie eingeladen worden, Kunst in Wilhelmsburg zu produzieren. Es wurde ihnen eine Geldsumme angeboten und freie Hand gelassen. Museo aero solar entschloss sich nach einem Besuch in Wilhelmsburg, das Angebot abzulehnen und die Gründe dafür offenzulegen. Sie beschreiben, dass sie einerseits die Vertreter der IBA getroffen hatten und dann einen Tag auf der Insel verbrachten, wo sie mit den Anwohnern sprachen und feststellten, dass die Situationsbeschreibung der IBA sich stark von der der Bewohner unterschied.
In dem Brief schreiben sie, sie wollen nicht an einem Werbegag teilnehmen und fröhliche Mulitkultibilder produzieren, die zeigen sollen, wie viel Gutes die IBA für die Menschen tue, wenn zugleich die Bewohner der Insel fürchten, dass die Anwesenheit der IBA dazu führe, dass die Mieten steigen und sie wegziehen müssen. Kurzum, das wäre verantwortungslose Kunst. Als ich Tobias Holtz danach frage, wie die IBA mit all den Protesten umgehe, zuckt er mit den Achseln und sagt, es gäbe immer Proteste, wenn es um Stadtentwicklung ginge. Das sei einfach kein Thema für sie. Aber er unterstreicht, dass es der IBA nicht darum ginge, die Immobilienwerte zu erhöhen, sondern dass sie auch gerne sehen würden, dass die Menschen dort wohnen bleiben könnten. Aber als ich frage, wie das funktionieren soll, ob sie ein besonderes Instrument hätten, um die Mieten auf demselben Niveau zu halten, schüttelt er den Kopf. Das sei kein IBA-Projekt, sagt er und verweist auf die kommunale Wohnungsbaugesellschaft SAGA, welche den Großteil der Immobilien besitzt. Auf die Frage, wie eine kommunale Wohnungsbaugesellschaft, die ja gewinnorientiert arbeitet, mit solchen Fragen umgehen soll, bekomme ich keine Antwort.
Als ich durch Wilhelmsburg spaziere, um Eindrücke zu sammeln, sehe ich, dass die IBA auf der Insel auffällig visuell präsent ist. Überall stehen Informationsschilder, die unterschiedliche IBA-Projekte präsentieren. Es gibt sowohl Plakate der Recht-auf-Stadt-Bewegung wie auch Grafitti mit dem Text „IBA sucks“. Ich denke darüber nach, was mit der Demokratie und der Offenheit der Stadt passiert, wenn unterschiedliche Unternehmen immer größeren Einfluss auf die Stadtentwicklung nehmen. Denn hier in Hamburg ist es offensichtlich, dass, auch wenn die Unternehmen in kommunaler Hand sind, deren Hauptaufgabe ist, Hamburg auf der internationalen Landkarte als ein herausragendes Beispiel zukünftiger Stadtentwicklung zu präsentieren. In dieser Entwicklung sind Bilder von glücklichen Bürgern unglaublich wichtig, ob die Bürger wirklich etwas zu sagen haben, ist dagegen eine andere Frage. Aber in Hamburg ist der Widerstand gegen die IBA und auch die Hafencity auffallend. Auf der Heimreise denke ich an all die leeren Bürogebäude, die in den unterschiedlichen surrealistisch anmutenden Gebäuden am Wasser zu sehen sind, und komme nicht darum herum zu denken, dass die Zukunft Hamburgs nicht in der HafenCity, sondern in den Bürgerbewegungen der Stadt liegt. In Göteborg steht die Frage, welchen Weg wir wählen wollen, noch aus.

CATHARINA THÖRN
Übersetzung Lisa Carstensen
Abgedruckt im schwedischen „Göteborg Posten“

 

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