Neue Betonlandschaften: IBA will den Park am Ernst-August-Kanal umgestalten

Neue Beton-Pläne der IBA-GmbH: Die Zuwegung vom Reiherstiegviertel zum Spreehafen soll umgestaltet werden. Dies berichtete ein Vertreter der IBA vor kurzem im Sanierungsbeirat Südliches Reiherstiegviertel. Die Vorstellung der Pläne rief bei TeilnehmerInnen des Beirats Entsetzen und Fassungslosigkeit hervor.

Worum geht es konkret?
Die IBA GmbH möchte scheinbar die Öffnung des Spreehafenzauns als ihren Erfolg feiern. Dazu soll das Umfeld möglichst repräsentativ nach den Idealen der IBA-GmbH umgestaltet werden.
Die Planung betrifft den namenlosen Park am Nordende der Veringstraße, gelegen zwischen Wohnbauten und Ernst-August-Kanal bzw. Hafenrandstraße. Die Hafenrandstraße verläuft hier auf einem Damm, um den Kanal zu überbrücken.
Der Hang des Dammes ist bislang von Bäumen und Büschen bewachsen. Diese konnten den akustischen Lärm der viel befahrenen Hafenrandstraße zwar nur wenig mindern, aber doch den „optischen Lärm“ der vorbeifahrenden Fahrzeuge fast ganz verschlucken. Kurz: Mensch sah die vorbeifahrenden Autos und LKWs angenehmerweise kaum. In den letzten Jahren wurde der Gehölzbestand allerdings zum Leidwesen der ParknutzerInnen zunehmend, zuletzt radikal – vorbereitend? – ausgedünnt.

Bislang wird der Park von den AnwohnerInnen als ausgelagertes Wohnzimmer genutzt. Die Wohnlage in der Nachbarschaft ist nicht eben bevorzugt: An vorderster Front zum Hafen sind die Häuser seinem Lärm und den stofflichen Emissionen ausgesetzt. Dann liegt auch noch eine aufgehöhte LKW-Hauptverkehrsstrecke vor der Nase und eine Hochspannungsleitung oben drüber. Dennoch hatte der kleine Park etwas kommodes, kuschelig-angenehmes. Vielleicht mal ein etwas hyperaktiver Hund, aber sonst einfach familiär und sozusagen auf Augenhöhe der NutzerInnen.

Mit den neuen Plänen geht es dem Areal nun an den Kragen: Die IBA möchte eine Sichtachse schaffen, und zwar von der Veringstraße zur Hafenrandstraßen-Böschung, welche dafür betoniert werden soll. Was Sichtachsen bedeuten, kann mensch bereits beim igs-Gartenschaugelände erleben. Dort ist jetzt schon von jeder Hauptverkehrsachse die nächste zu sehen. So soll es auch in diesem kleinen Park werden. Von der Veringstraße aus der Anblick einer nackten LKW-Trasse! Welch ein Gewinn!
Zusätzlich soll eine spitze Betonkante in den Park hineinstechen, nämlich am Übergang der Böschung zur Brücke über den Kanal (wo ein Fußweg am Kanal zur Hundewiese führt). Da drängt sich die Assoziation zu den einschneidenden Wirkungen auf, die die IBA auf den Stadtteil haben soll. Dann sollen noch auf Kosten des Rasens die Wegeflächen stark vergrößert werden, in Form befestigter „wassergebundener Decken“ (vereinfachend ließe sich ‚Sandwege’ sagen). Diese sollen vollkommen eckig verlaufen. Das lässt sich wohl auf den Plänen leichter zeichnen? Oder liegt es einfach im Wesen der Landschaftsplanungs-AbsolventInnen, die die Welt nur noch virtuell kennen?

Aber die Pläne gehen noch weiter:
– Der Standort des Hochspannungsmasten soll vegetationsfrei besser in Szene gesetzt werden.
– Die jetzigen naturnahen Uferstrukturen des Kanals sollen in Betonkonstrukte verwandelt werden als Anlegestellen für Barkassen und Kanus.
– Und unvermeidlich: Bäume absägen! Besonders die, die Blüten und Früchte tragen, wie Kirschen und Weißdorn und die (noch) eher klein sind.
Immerhin: Es sollen auch neue gepflanzt werden. Nämlich Sumpfzypressen. Die sind zwar nicht einheimisch, haben keine Blüten und sind praktisch unnütz für Insekten oder Vögel – aber wahrscheinlich sind sie sehr zeitgemäß und sehen hinlänglich IBA-repräsentativ aus. Allerdings sind Sumpfzypressen recht hochwüchsig. So werden sie bald in Konflikt mit der Hochspannungsleitung kommen. Macht ja nix! Kann man wieder absägen. Das Unter-die-Erde-Legen der Leitung wurde dagegen nicht in geplant. Das wäre eine echte Verbesserung des Wohnwertes gewesen. Aber das Gedeihen der industriellen Infrastruktur Wilhelmsburgs darf die IBA nicht gefährden.

Wie wichtig innerstädtisches Grünvolumen ist, wurde jüngst auf einem Symposium der BSU im Bürgerhaus dargestellt. Nicht nur der optische Lärm wird durch das Grün gemindert, insbesondere werden durch den Klimawandel bedingte innerstädtische Aufheizungseffekte abgepuffert, und das Grün funktioniert natürlich als Emissionsfilter. Die IBA-GmbH scheint allerdings von der Verantwortung für die Zukunft befreit zu sein.
Einen gewissen Nachhaltigkeitsfaktor hat die Planung dann allerdings doch: Durch die Verwandlung von Grün in Beton und vegetationsfreie Wege sinken die Pflegekosten. Da werden dann Mittel frei, die in ein besseres Stadtmarketing gesteckt werden können…

Und was ist mit dem Lärm der Hafenrandstraße? Auch diese Situation wird sich mit den jetzigen Plänen verschlechtern, was allerdings einfach weggerechnet wird. Die Hafenrand¬straße hat derzeit eine wenig wahrnehmbare, niedrige Lärmschutzwand. Zukünftig soll diese Wand zwar etwas erhöht werden, aber dafür im Bereich der jetzigen Treppe eine Öffnung erhalten – planerisch angeblich notwendig. In der Summe wäre das nicht lauter als jetzt, so der im Sanierungsbeirat vortragende Hochschulabsolvent. Allerdings macht es natürlich einen Unterschied in der Wahrnehmung, ob es bei jeder LKW-Vorbeifahrt ein kurzes unge¬dämmtes Schallereignis gibt und es ansonsten etwas ruhiger ist, oder ob der Schall zwar etwas weniger, aber dafür gleichmäßig gedämmt wird. Wie das mit den Lärmberechnungen läuft, ist ja derzeit gut an der Containerklopperei CST am Gert-Schwämmle-Weg gegenüber dem Krankenhaus zu bemerken. Für das einstige IBA-Projekt wurde hier auch berechnet, dass der Schall der „Richtarbeiten“ in der sowieso schon lauten Umgebung keine Rolle spielen würde. AnwohnerInnen wissen um den Unterschied von Planrechnung und Wirklichkeit.

Gab es denn für die aktuelle Park-Planung irgendeinen Beteiligungsprozess (da ist die IBA bekanntlich so vorbildlich)? Die Antwort auf diese Frage beim Sanierungsbeirat war ein klares Nein. Vor mehreren Jahren hatte es zwar einen Workshop zur Parkgestaltung gegeben, bei dem auch einige Menschen aus Wilhelmsburg zugegen waren. Dort gab es Entwürfe, die viel verträglicher aussahen, und es stellte sich eine gewisse Zuversicht ein. Zu den jetzigen Protesten sagt die IBA laut Wochenblatt vom 20.7.11 zynisch, dass die Leute ja damals hätten Einspruch erheben können. Damals gab es allerdings nichts zu entscheiden. Inzwischen hat die IBA jedoch entschieden, und zwar in einem intransparenten Verfahren – und nun darf das Volk die Erfolge der IBA wohl nicht länger behindern, schließlich ist es kurz vor 2013.

Was die IBA jetzt präsentiert hat, ist ein Symbol kalter Macht. Grauer Beton, tote Flächen, spitze Winkel – und selbst die Bäume irgendwie lebensfern.

Wieder einmal wurde bei dieser Planung deutlich, was die IBA hier in diesem Stadtteil treibt: Radikale Umgestaltung – und zwar nicht zum Vorteil der BewohnerInnen, sondern um Images zu schaffen, die den Investor überzeugen sollen, hier endlich anzubeißen. Die IBA als Verkaufsagentur zur Vermarktung des Stadtteils hat dabei allerdings recht verkrustete Ideale: Ob Wilhelmsburg wirklich durch leergeräumte, nur noch symbolhafte Grünanlagen mit viel Beton zu Investors Liebling wird, bleibt fraglich. Sicher dagegen ist die reale Entwertung des Parks in Bezug auf seine Erholungsfunktion für die AnwohnerInnen.

Aber wie sagte Herr Hellweg in einem Abendblatt-Interview so schön auf die Frage, ob den WilhelmsburgerInnen die IBA-Planungen nicht etwas fremd vorkommen könnten: Die IBA müsse eben der internationalen Fachöffentlichkeit etwas bieten. Die könnte sich allerdings seit den großen Gesten der 60er Jahre (wie z.B. City Nord) schon etwas weiterentwickelt haben…

JvP

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