Die neue Laut-Kultur der Rücksichtslosigkeit oder: Hat die IBA doch ein Konzept? – Ein Deutungsversuch

Grundsätzlich geht es im Text um Lärm. Und es geht um die Schutzrechte, die Natur und ortsansässige Bevölkerung eigentlich haben. Diese Rechte stehen aber der politisch gewollten Höherverwertung der Insel entgegen – und sind somit eine Herausforderung, der von den Aufwertungsaktören mit Kreativität begegnet wird.
Der Artikel darf auch dahingehend gelesen werden, das setting von Dockville besser einordnen zu können.

Ein Artikel vom ersten Zwischenpräsentationsjahr 2007, zeitlos auch 2010 noch gültig (wo das nicht der Fall war, ist er aktualisiert)

JvP. Überall IBA, überall Lärm – das war zumindest im westlichen Wilhelmsburg zu erleben. Das erste Präsentationsjahr der wahrscheinlich eiligsten IBA der Welt zeigte sich gnadenlos. Ein unaufhörliches Feuerwerk von Veranstaltungen dröhnte auf die örtliche Bevölkerung und die Umwelt ein. Alles mitzuerleben, war für eine Person nur unter Einsatz von Klonen möglich (siehe auch AKU-Seite zur IBA-Kritik).
Was hinterher bleibt, ist wahrscheinlich schon mehr als nur das Wegfegen der Böllerhülsen (wie in einem WIR-Comic gefragt). Es bleiben genervte AltanwohnerInnen und zerstörtes Grün. Das könnte Absicht sein. Grund und Boden, sowie bestehende und künftige Häuser lassen sich gut vermarkten, wenn junges und konsumfreudiges Volk herbeigelockt wird; das Bauen wird erleichtert, wenn keine Ökologie im Wege steht.

Die Wirkung der Eventmaschinerie
• In den Wohngebieten hilft die ständige Party abzulenken. Spricht noch wer vom Verkehrslärm oder den Belästigungen des Kubi(Kitay)-Centers? Nein, denn der IBA-Krach hat das Problem zu einem Hintergrundgeräusch gemacht. Das von Abendblatt & Co. herbeigerufene Partyvolk, das sich gern benebelt, lässt konformes und unkritisches (Konsum-)Verhalten erwarten. Ein mögliches Widerstandspotenzial verpufft berauscht in lustigen Partysituationen.
• Draußen werden per Outdoor-Event die letzten geschützten Biotope zerstört. Ökologisch Wertvolles stört beim Bauen – da ist gut beraten, wer es rechtzeitig beseitigt. Im Mittelmeerraum wird angezündet, hier gehts per Festval. Win-win-Situationen erzeugen nennt sich sowas, denn das Partyvolk kann eine voll krasse location verbrauchen und die PR-Firmen mit den Partyveranstaltern machen auch noch schön Kasse.

Die Formalitäten
• In Wohngebieten: Alles ist natürlich genehmigt, falls sich wer beschwert – da wäscht eine Hand der Stadt die andere, egal ob schon privatisiert oder noch nicht. Wer genau genehmigt, ist zwar schwer herauszufinden; vermutlich wohnen die Zuständigen aber nicht da, wo sie den Lärm hingenehmigen. Wer sich dennoch gegen zunehmenden Lärm wendet, wird von den Profiteuren in die Miesepeter-Ecke gestellt. Spaß­feindliche Nörgler – wobei Spaß jetzt zwingend raumgreifend, laut und rücksichtslos zu denken ist.
• In unbebauten Bereichen: Das Naturschutzamt versucht noch zaghaft den Biotopverlust zu bremsen; aber Urlaubszeit, Personalmangel und die Autobahnbau- und Wachsende-Stadt-Senatorin als Dienstvorgesetzte machen die Grenzen klar. Wenn hinterher dann doch viel mehr Biotopflächen und Gehölze verschwunden sind, als zugestanden war – tja, da kann man nichts mehr machen. Besonders fortschrittlich ist auch die Durchsetzung des Lärms organisiert, wenn die Krachquellen im Hafen aufgestellt werden: Der privaten IBA-GmbH oder ihren Kooperatören wie Dockville wird die Beschallung der Wohngebiete von der (halb)privatisierten Port-Authority genehmigt; das Bezirksamt darf aber die fachliche Vorlage liefern.

Einige konkrete Beispiele aus 2007 bis heute

Das IBA-Festival am Fährstieg.
Die sogenannte Brache war in Wahrheit ein geschützter Biotop. Mit vielen Rote-Liste-Pflanzen, die zusammen eine aussterbende Trockenrasen-Pflanzengesellschaft mit dem schönen Namen Airo caryophylleae-Festucetum ovinae bilden. Auch seltene Tiere kommen vor, Junikäfer, Wespenspinne etc. Die Fläche liegt in der projektierten Perlenkette der Logistik, soll inwertgesetzt werden. Da darf vorher die IBA ran und ein großes Events veranstalten. Immerhin war ein Teilbereich ausgezäunt und wurde geschont. Aber die malerisch-historische Lindenallee des Fährstiegs hatte noch ein Opfer zu bringen: 2 große und kerngesunde Linden wurden herausgesägt, offenbar, damit der Sicherheitsdienst seine Müllcontainer für die mitgebrachten, aber verbotenen Getränke besser aufstellen konnte. Von März bis September dürfen keine Bäume gefällt werden; eine Sondergenehmigung lag nicht vor. Die IBA zeigts: Es geht auch einfach so.
Auch die Verlärmung hat geklappt: Die Hofa-Organisatoren sorgten dafür, daß die Lautsprecher nicht in den Hafen hinaus schallten, sondern ins Wohngebiet. Lärmbeschwerden blieben auffallend folgenlos.
Auch ein paar andere Partyveranstalter wurden vom IBA-Vorbild angelockt.
Schon nach wenigen Jahren mit zahlreichen einmaligen (und damit genehmigungsfähigen) Veranstaltungen hatte sich der Trockenrasen in einen Trittrasen gewandelt. Der unterliegt keinem gesetzlichen Schutz: Das ist schön für den Investor Rolls Royce, denn er kann jetzt Ausgleichs-Gelder sparen, die für die Vernichtung des geschützten Biotops angefallen wären.

Hafensafari/Dockville.
Gleich 2 verschiedene Veranstaltungs-Formate wurden 2007 für dieselbe Örtlichkeit, das Reiherstiegknie (historisch: Ruisort) festgesetzt. Auch hier gibt es geschützte Biotope. Wobei klargestellt sei, dass nicht jede unbebaute Fläche automatisch geschütztes Biotop ist, nicht im entferntesten, nur ist in solchen Fällen das Beseitigungsinteresse besonders groß.
Für diesen Ort sind starke widerstreitende Interessen vorhanden: Hafenseits die gewünschte Perlenkette der Logistik (durch die Verkleinerung der Festivalfläche sind mittlerweile auch schon Fakten geschaffen), stadtentwicklungsseits soll hier wenigstens ein punktueller Kontakt des Stadtteils mit dem umgebenden Wasser entstehen, etwa um hier die Kathedralen des Industriezeitalters (Rethespeicher) zu bewundern. Auch die Gartenschau, eingeknastet in der verlärmten Inselmitte, möchte hier gern ein dünnes Ärmchen ans Wasser strecken. Jedenfalls – die Biotope stören. Die Hafensafari (Zwischendurch-Kunst im Hafen mit zusätzlicher Flächenvermarktungsfunktion) wollte noch achtsam mit den geschützten Biotopen umgehen – was dann in der Umsetzung auch schon unterging, aber es kam ja noch Dockville, die mit schwerem Gerät über die Fläche gingen und alles beseitigt haben, was gestört hat. Lärm gabs auch, stadtteilweit, extrem laut und bis nach 3 Uhr nachts. In den Folgejahren hat Dockville den Job allein machen dürfen, erweitert um das Kinderarbeitsparadies Lüttville und diverse Kunst-Aktionen. Die Veranstaltung liegt praktischerweise immer in den Ferien und am Wochenende: Doppelte Sicherheit, dass kein behördliches Überwachungspersonal zur Verfügung steht.
Das Resultat wird bald dasselbe wie am Fährstieg sein: Wenn die Fläche endgültig überbaut wird, wird ein teurer Ausgleich der geschützten Biotope nicht mehr nötig sein.

Unzählige Veranstaltungen gab es mehr, besonders im Präsentationsjahr 2007 und auch für 2010 steht wieder viel an: Die Insel als kulturelle Dauerfolterkammer. Alles passt ins Konzept, besonders wenn es laut ist oder ökologisch wertvolle Flächen angreift; alles wird rücksichtslos gegen die die AnwohnerInnen durchgezogen, möglichst mit Alkoholkonsum: Der Spaß wird größer, das Problembewußtsein kleiner und nebenbei kann noch gezeigt werden, wer nicht gemeint ist – die hier ansässigen Muslime.

Das „Moderne“ an der IBA-Politik scheint, den alten Gedanken überwunden zu haben, dass Schlechtes verbessert gehört. Früher half man heruntergekommenen Stadtteilen, indem Defizite behoben wurden, etwa durch den (erstmaligen) Bau eines Schwimmbades oder die Installation von Schallschutzfenstern. Hinterher hatten die Menschen eine real bessere Lebensqualität. Jetzt sollen sie sich nur besser fühlen: Durch Veränderung der Wahrnehmung. Störender Lärm von Verkehr und Hafen wird einfach nur überdeckt mit weiterem Lärm, der aber positiv gesehen werden soll. Wie die IBA mit Gewerbelärm in Wohngebieten umzugehen gedenkt, sollte im B-Plan Wilhelmsburg 88 (Containerklopperei am Krankenhaus) gezeigt werden: Wohngebiet an der südlichen Veringstraße wird in Mischgebiet mit höheren Lärmgrenzwerten gewandelt, und schon kann zusätzliches, besonders lautes Gewerbe direkt nebenan angeordnet werden. Mittlerweile ist die Containerklopperei angesiedelt, macht Lärm, obwohl das Wohngebiet immer noch Wohngebiet ist. Glücklicherweise ist die Bevölkerung am Rande des „Weltquartiers“ aber offenbar hinlänglich wenig beschwerdemächtig, dass kein Handlungsbedarf besteht.
In Planungsprozessen wird die Lärmschutzverpflichtung für die noch bestehenden Wohngebiete generell ausgeblendet. Auch scheint es politisch nicht gewollt, den wachsenden Containerverkehr durch die Wohngebiete zu begrenzen. Wochenends Partyzone, wochentags Alternativstrecken für den Containertransport: Die IBA zeigts?

Schutzrechte von Schwachen, egal ob Menschen oder Natur, werden abgeschafft oder ignoriert, Starke werden gefördert: Für Eigentümer und Investoren wird der Standort durch Positiv-Images aufgewertet (nicht allerdings durch Reduktion von Lärm, Luftbelastung, Altlasten, Überflutungsgefahr…). Und es geht um die „Verbesserung“ der Bevölkerung. Das könnte uns die IBA zeigen wollen. Die Anpassung der Bevölkerung an den Wirtschaftsstandort wird dann aber nicht ohne teilweisen Bevölkerungsaustausch funktionieren; Leute, für die die Grenzwertüberschreitungen von Verkehrs- und Industrielärm ein Problem sind, werden den zusätzlichen Partylärm endgültig nicht mehr aushalten. Und wer einfach nur arm ist, wird den dauernden Mietsteigerungen insbesondere der IBA-PartnerInnen unter den VermieterInnen nicht mehr standhalten. Das neue Volk muss dann mehr Geld haben und wird lärmunempfindlicher, am besten noch selbstlärmend sein.

Wer das nicht hinnehmen möchte: Es gibt die Möglichkeit, Anzeige wegen Ruhestörung zu erstatten. Das ist spießig und nützt auch nicht wirklich was, macht aber zumindest die Behauptung zur Lüge, dass es keine Beschwerden gebe. Und in Zusammenarbeit mit der örtlichen Politik wäre auch eine Einwirkung auf die genehmigenden Behörden denkbar, falls statt der bisherigen IBA-Weg-Ebnungsmentalität wieder ein gewisser Gestaltungswille aufkommen sollte.
Vor allem aber lässt sich bei Lärmstörungen die Miete mindern. Der Vermieter ist dann berechtigt, sich den Verlust vom Lärmerzeuger ersetzen zu lassen. Mieterhöhungen können mit Hinweis auf vermehrten Lärm (zum Teil) abgelehnt werden. (Vorgehen jeweils mit einem Mietverein besprechen.) Die potenziellen Profiteure der Veränderungen in die Pflicht zu nehmen, ist nicht nur gerecht und vom Mietrecht gedeckt, sondern dürfte auch noch am ehesten wirksam sein.

Dieser Beitrag wurde unter IBA, Kulturpolitik, Stadtentwicklungspolitik, Umwelt abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.